Frauen lesen …

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Ich tue mich ja echt schwer den Fokus auf Literatur zu legen, die von Frauen geschrieben wurde / wird. Mein Bücherregal ist echt sehr voll mit Büchern, die Männer geschrieben haben. Umso mehr, versuche ich stets jeden Monat mindestens 1 Buch zu lesen, welches von einer Frau geschrieben wurde. Tendenziell breche ich aber Literatur von Frauen geschrieben eher ab als von Männern. Warum das so ist, weiß ich nicht. Es liegt nicht an der Tatsache, dass die Bücher von Frauen geschrieben sind. Es liegt meist an den Figuren, dem Humor, komischen Storylinien und aber eigenartigen Schreibstilen. Aber das sind die selben Attribute, die ich bei Romanen von Männern ebenso hinzu ziehen würde.

Egal hier sind die Bücher von Frauen, die ich ab 2020 gelesen habe (und evtl. besprochen habe – dann gibt es links zu den Besprechungen). Ich freue mich allerdings auch über Empfehlungen für Literatur von Frauen geschrieben in den Kommentaren. Ich mag es gern anspruchsvoll, sozialkritisch, belletristisch, bereist, polyglott, portugiesisch, südostasiatisch, nordisch, maritim oder auch Sachbücher (Psychologie, Soziales, Pflegewissenschaft, Maritimes, Naturkunde, Tod, Subkulturen, Musik).

2020

Übrigens gebe ich generell gern abgebrochene Bücher ab. Bitte gebt mir dafür Rückmeldung bei Interesse.

Carmen in Zeiten der Corona Pandemie [Alleetheater Hamburg]

Halten wir ein paar Dinge fest, die ich in meiner Meinung nicht umstoßen kann. Die galten vor der Pandemie und die gelten auch jetzt noch.

  1. Live ist es immer besser Künstler kennen zu lernen und zu erleben. Es ist immer besser dann, deren Qualitäten im Spiel und im Interagieren mit den Kollegen zu sehen. IMMER. PUNKT. AUS. BASTA.
  2. Ich habe durch Konzerte mehr die Chance neue Künstler kennen zu lernen und meinen musikalischen Horizont zu erweitern als von Musik auf Scheibe.
  3. Ich habe mit dem Phänomen Großveranstaltungen zu mögen bereits in meinen frühen Teenagerjahren aufgehört. Rock am Ring und das ein oder andere Stadionrockkonzert einer Jugendsünde haben da gereicht. Ich brauche das nicht. Das waren mir damals schon zu viele Menschen auf einem Fleck. Intimere Stimmung und interessantere Setlists gibt es im Club. Da probieren sich Künstler aus. Oder eben auch in der Kammeroper, wo man liebevoller und gewagter in den Inszenierungen gegen den Strich bürstet.
Felipe Knabe & Ljuban Živanović (Foto: Dr. Joachim Flügel)

“Carmen” ist die erste neue Inszenierung des Alleetheaters in der Erwachsenensparte der Saison 2020/2021. Das bekannte Stück musste Corona-konform zurecht gestutzt werden. Das heißt kleines Ensemble auf der Bühne und im Orchester Mosh Pit. Dazu wurden in dem kleinen Haus die Stuhlreihen ausgedünnt und man wird als Gast auf die Plätze nach Plan verwiesen. Also beim Kauf eines Tickets, bekommt man eine Zusage für die Preiskategorie und dann wird hygienegerecht Tetris auf den Stuhlreihen gespielt. Das klingt komisch, ist aber so und das ist auch sehr gut gelöst. Zudem wird im Publikumsraum ordentlich frische Luft durchgewälzt und auch wenn ich kurzzeitig bei der B-Premiere einen Panikanfall hatte mit kaltem Schweiß auf der Stirn und ich für 4 Arien den Raum verlassen musste, ist das alles sehr überzeugend vorbereitet und organisiert. Es gibt nur so viele Tickets zum Verkauf, wie in der Pause Menschen Platz haben sich an die zugewiesenen Tische sich hinzusetzen. Man wird am Platz aufmerksam und zügig bedient.

Worum geht es in der modernen Inszenierung von Carmen?! Wir befinden uns im Sevilla 2020 unter Coronabedingungen. Carmen ist eine Bitch, die Männer verwirrt. Yussef versucht sein Geschäft mit Würde am Leben zu halten und er hatte sich in Carmen verguckt, die ist aber mittlerweile an einem anderen Mann interessiert und gelangweilt von Yussef, der zudem auch noch eine andere Dame Micaela heiraten soll nach Mutters Wunsch … und dann ist da auch noch Escamillo, der Typ, der mit Carmen krumme Geschäfte macht. Und am Ende ist einer tot. Wie es halt so in einer guten Oper so passiert. Es ist eine sehr moderne Inszenierung. Die Story spielt in Sevilla mit Yussef als Souvenirshopbesitzer. Carmen und Escamillo kommen als überhebliche Weiße daher. Micaela und Yussef haben Migrationshintergrund. Die Menschen tragen Masken auf der Bühne. Alle Personen im Stück sind alle ein bisschen außer Kontrolle. Der Pandemie, der aktuellen soziopolitischen Situationen geschuldet?! Es ist ein absolut überzeugender Frontalhieb auf die jetzige Weltlage.

Titus Witt & Ljuban Živanović (Foto: Dr. Joachim Flügel)


Die Solisten sind allesamt fantastisch. Ich bin immer wieder überrascht, welche Goldkehlchen da auf der Bühne stehen und wie ausdrucksstark auf der Bühne auch schauspielerisch agiert wird. Die kleine Bühne wird so groß ausgefüllt, dass es ein absoluter Spaß ist, dem zu folgen. Wer kann, sollte sich unbedingt in das Theater begeben. Für diesen Sonntag soll es auch noch Karten geben.

Kultur tut Not. Und der kritische Blick auf die heutige Zeit ebenso wie auch gute Musik. Ach ja … Musik. Der Orchestergraben ist in nicht Pandemiezeiten mit bis zu 8 Musikern gefüllt. Aufgrund von Covid19 können da nur 3 sitzen und ein Dirigent agieren. Der Rest der Musik kommt vom vorproduzierten Tape. Das ist auch mal was Neues für das Alleethater und funktioniert fantastisch.
Bizets Musik ist catchy und ohrwurmtauglich. Das Arrangement für die Alleetheaterinszenierung ist wie gewohnt aufs Wesentliche und Prägnante sehr pointiert von Ettore Prandi zusammengezaubert. Die Regie hat Alfonso Romero Mora gemacht und bisher habe ich all seine Arbeiten gefeiert. Bühne und Kostüme sind von Lisa Überbacher.

Mehr Infos zum Alleetheater und zu den Tickets für Carmen & mehr Stücken des Hauses.

Der Schatz der Black Swan & Twists of Fate [Paco Roca]

Das ich zwei Bücher eines Autors kurz hintereinander lese, passiert eher selten, aber es kam gerade zufällig zu Stande. Zum Einen hatte ich “Twists of Fate” mir ausgesucht aus dem okComics Carepaket und zum anderen lachte mich “Der Schatz der Black Swan” im Buchladen des Vertrauens in Eppendorf an. Da war ein Schiff auf dem Cover. Hey, das triggert. Ich habe nicht geschaut, worum es da ging. Ich hab es einfach gekauft. Nun denn.

Paco Roca habe ich bereits mit “Kopf in den Wolken” und “La Casa” kennengelernt. Wobei ich “Kopf in den Wolken” bereits schon wieder aussortiert habe. “La Casa” beschäftigt sich mit einer Familie, die ein Erbe – ein Haus, um genauer zu sein, entrümpelt nach dem Tod des Familienvaters. Dabei kommen sich die Geschwister wieder näher und finden sehr viel Gutes am Haus und wollen es am Ende (Spoiler!!!) doch nicht verkaufen. Paco Roca hat in diesem Buch sehr viel Liebe, Respekt vor der Familie an sich, den Erinnerungen und dem Zuhause zwischen zwei Buchdeckel gepackt und was mir besonders gefiel, warum ich wieder zu Paco Roca griff, ist sein Illustrationsstil und die unaufgeregte Erzählweise.

“Der Schatz der Black Swan” – Dieses Buch wurde zusammen mit Guillermo Corral geschrieben. Corral ist Diplomat und Schriftsteller. Die Graphic Novel basiert auf ein Ereignis, was tatsächlich stattfand. Im Buch hat 2007 das amerikanische Schatzsucherunternehmen Ithaca die 1804 gesunkene spanische Fregatte Merced in der Straße von Gibraltar gefunden und geplündert. Spanien erfährt darüber und das Kultusministerium, zusammen mit Wissenschaftlern versuchen den Schatz nach Spanien zurückzuführen und damit auch gleich die Würde des Ortes, wo das Schiff gesunken ist mit Zivilisten wieder zu geben. In dem Buch entwickelt sich nicht nur ein politisches Drama mit Fallstricken, wer mit wem in diesem Fall verwickelt ist. Geheimdienst und dubiose Geldgeber auf beiden Seiten USA wie auch Spanien, sind darin verwickelt. Die Wissenschaftler auf spanischer Seite sind bei dieser die moralisch Guten. Da ist zum Einen Elsa vom spanischen Amt zum Schutz des Unterwassererbes und zum anderen der junge Diplomat Alexa Ventura. Um die beiden Charaktere entspinnt sich in der Novel auch so eine Art freundschaftliche Beziehung, die in Kitsch hätte abdriften können, es aber zum Glück nicht tat. Ich interessiere mich sehr wohl für solche Geschichten, aber über die Merced habe ich nichts mitbekommen. Vielleicht war ich 2007-2009 noch mit anderen Dingen in meinem Leben beschäftigt. Corral und Roca konnten die moralische Jagd nach dem Schatz überzeugend erzählen. Die großen und zum Teil düsteren Panels von Roca, wenn sie nicht in irgendwelchen Büros spielten, waren passend und der Story sehr angemessen. Ich rauschte beim Lesen komplett durch. Mich würde es interessieren, ob der Schatz nun komplett hinter Schloss und Riegel in der spanischen Staatsbank ist oder ob man einen klitzekleinen Teil davon in irgendeinem Maritimen Museum sich anschauen kann. Für Geschichte, Schifffahrt, politischer Thrill und Graphic Novel Fans, sei dieses Buch empfohlen. (ISBN: 978 3956 401947, Reprodukt Verlag)

“Twists of Fate” – ist ein Buch im Stil einer Reportage mit Rechergeinterview und Rückblenden. Paco Roca begibt sich auf die Suche nach Miguel Cruz – einen 94 Jahre alten Mann, der in Frankreich lebt und der einer der wenigen noch lebenden Spanier ist, die im zweiten Weltkrieg gegen die Nazis und vorher schon gegen Franco gekämpft hat. Roca findet den Mann, der erst gar kein Interview geben wollte und schafft es mit seiner sehr sensiblen Art immer mehr Informationen über Miguels Lebensweg in von 1939 – 1944 zu erfahren. Es gibt sicher viele Geschichten über den zweiten Weltkrieg und auch davon eine Menge Heldenstories, aber Miguel empfindet sich nicht als Held. Er war, wie es das Schicksal wollte, nach Haft, Kämpfen in Afrika für die Französische Armee irgendwann in der Einheit von Leclerc, die Paris befreite. Es gab einige loyale Spanier, die in den Truppen der Resistance kämpften, um die Nazis zu bekämpfen. Miguel war allerdings einer, der auch Spanien von Franco befreien wollte, deswegen desertierte er kurz der Befreiung von Paris und tauchte unter.

Paco Roca “Twists of Fate” ISBN: 978 1683 9612 5353 999, Fantagraphics Books


Paco Roca hat Miguels Weg mit den Schrecken des Krieges und den Altersgebrechen liebevoll und mit genug Abstand in den Panels darstellen können. Miguels Person wird dem Leser sehr nah. Man versteht seine Zurückhaltung sehr und man versteht auch, warum er um seine Person keine große Sache machte, denn sein größtes Ziel hatte er nicht erreichen können. Franco zu besiegen. Miguel hat auch resigniert an der Tatsache, dass die Spanier, die gegen Franco waren und für die Alliierten im 2. Weltkrieg kämpften, nach dem Sieg, keine Heimat gab. Für Spanien interessierte sich die Weltpolitik nicht nach dem Weltkriegsende. Es sollte sich selbst befreien. Das ist bitter für die Menschen, die gekämpft haben. Sie verloren alles, ihre Heimat, ihre Würde, ihre Familie und die Anerkennung bekamen sie auch nicht, obwohl sie für das Ende des Krieges mit Herz kämpften. Den Teil der Geschichte kannte ich so nicht. Ich wusste nur, dass das Kapitel Spanien für mich in meinem Geschichtewissen ein schwarzer unbekannter Fleck war. Ich hatte zwar über den Spanischen Bürgerkrieg gewusst und auch über die Diktatur, aber wie es den Exilspaniern genau erging, damit hatte ich nie einen Zugang. Mit diesem Buch wird zumindest ein kleiner Teil der Geschichte erklärt. Auch mit kleinen Grafiken am Anfang der Graphic Novel.

Ich werde vermutlich bei dem nächsten Buch, welches ich noch nicht kenne von Paco Roca erneut ohne nachdenken zu müssen zugreifen. Ich mache nichts falsch.

Schockraum [Tobias Schlegl]

Hand aufs Herz … wann wart ihr das letzte Mal im Schockraum? Wenn ich es je einmal gewesen bin, dann vermutlich damals 1984 in Berlin Buch, als ich im Badesee abgesoffen bin und ich reanimiert werden musste. Und das hat lange gedauert. Ich bin quasi auf Überholspur oder anders gesagt in Verlängerung. Als ich von einem Wartburg 1985 angefahren wurde und ich mir mein Schlüsselbein gebrochen hatte und der rechte Fuß matsch war, kann es auch auch gut sein, dass ich einen “Schockraum” gesehen habe, ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern. Ich kann mich an den Unfallort erinnern, aber nicht mehr, was im Krankenhaus und was auf dem Weg dahin geschah, passierte. Egal. Die Arbeit von Rettungssanitätern und Notfallsanitätern habe ich aber trotz alledem schon unfreiwillig öfter in Anspruch genommen. Ich bin sehr dankbar für deren Arbeit. Sie helfen mir als Privatperson und auch bei meiner Arbeit (aktuell ambulante Pflege) ungemein. Ich würde deren Kompetenz aber nicht unnötig überstrapazieren, wenn es nicht andere Möglichkeiten für Hilfe geben würde, als da wären, der eigene Hausarzt und oder der kassenärztliche Notdienst. Alles in allem kann ich jedoch sagen, dass eine Intervention, sei es privat oder auf Arbeit ohne Rettungsdienst und ohne Arzt, die hilft, immer die beste und für alle Beteiligten Beste ist.

Schockraum habe ich zur Hand genommen, als Tobias Schlegl den tweet absetzte und berichtete, dass er Jens Spahn das Buch mit Brief nach Berlin schicke. Ich dachte mir, super, der Jens bekommt es für lau und ich muss mir das gute Stück kaufen. Tolle Wurst! Ich wollte es trotz alledem lesen. Sofort. Deswegen habe ich mit Schockraum mir das erste eBook meines Lebens gekauft und ich habe es an meinem freien Tag in der letzten Woche in einem Rutsch durchgelesen. Heute habe ich mir das Hardcover ebenso noch gekauft, weil ich das Buch besitzen wollte. Analog ist eben doch besser.

Über das Buch: In “Schockraum” begegnen wir Kim, frisch gebackener Notfallsanitäter, der eine, zu Beginn des Buches, sich zusammen fallende Beziehung zu Marie pflegt. Kim ist in seiner Arbeit gefangen, er opfert sich auf, er scheitert an seinen eigenen hohen Ansprüchen bezüglich seines eigenen Berufes und er arbeitet viel. Der Job reibt Kim auf. Den inneren Halt findet er mit der Hilfe seines Teampartners Benny, der in der selben Ausbildungsklasse wie er war, aber für einen anderen Rettungsdienst arbeitet. Kim und Benny treffen sich regelmäßig und sprechen da sehr oft über ihre Arbeit und was sie in ihrem Privatleben so macht. Benny holt Kim aus seinem Alltagstrott eines Tages raus, nach dem er einen heftigen Einsatz hatte und erst mal wieder runterkommen muss und Marie das Weite gesucht hat. Bei dem Alltagsausbruch hat Kim eine schicksalhafte Begegnung mit Luzi.

Über den Autoren: Tobias Schlegl hat mal ne Weile viel mit TV gemacht und mit Musik … als das damals noch was war im TV. Später hat er aber auch bei extra3 im Öffentlich Rechtlichen gearbeitet und 2016 wollte er dann was Vernünftiges lernen … und wurde Notfallsanitäter … was mit Medien macht der 1977 geborene immer noch, aber eben auch den gemeinnützigen Notfallsanitäter.

Meine 10 Cents: Ich mag generell Bücher, die leichte Spuren von autobiografischen Anteilen haben. Also, einen Roman über einen Notfallsanitäter nehme ich einem Notfallsanitäter eher ab als eine Story über einen Landschaftsarchitekten, die von einem Notfallsanitäter geschrieben wurde. Das ist schon mal Fakt.

Den Protagonisten Kim und seine gefühlten Unzulänglichkeiten im Job, seine Unfähigkeit die Beziehung zu Marie knusprig zu halten. Ach wie lobe ich mir in diesem Fall meine Wochenendbeziehung und in Covid19 Zeiten die eigene Wohnung … die Beziehung zu meinem Partner hätte es sonst keinesfalls 7 Jahre überlebt. Es ist gar nicht so einfach nach Hause von der Arbeit zu kommen und einfach nur so “Highlife” zu machen, mehr als zu funktionieren. Ich bin beispielsweise in meiner Arbeit als Pflegekraft (bis August 2017 in stationären Einrichtungen und seit dann in ambulanter Pflege) richtig heftig drauf, meinen Ort ordentlich und sauber zu verlassen. zu Hause in meinem eigenen Loch, kann und will ich nur spiegelputzsüchtig sein. Ich habe keine Kraft dafür. Wenn ich dann jemanden an der Seite hätte, der sich wegen Putzsachen aufregen würde, wäre schnell Schluss. Ich kann auch nicht immer sozial und empathisch im Privaten daher kommen. Ich bin das die ganze Zeit auf Arbeit (so gut es geht) und zu Hause reicht die Empathie, wenn ich gut bin, gerade noch für mich. Ich weiß, wie es sich anfühlt ausgelaugt zu sein, einfach alles hinschmeißen zu wollen wie der Protagonist Kim. Er hat seinen besten Kumpel Benny an der Seite, den er regelmäßig trifft. Zum Debriefen, das würde Mr T jetzt sagen. Mr T debrieft mich seit 7 Jahren. Am Anfang der Beziehung hat er mich gefühlt täglich anderthalb Stunden lang am Telefon gehabt und hat Horrorgeschichten aus dem Altenheim gehört, heute hört er nur noch Highlights. Ich will ihm das nicht mehr antun. Er kann es immer so schön zusammenfassen: “Woanders ist auch Scheiße.”

Als ich “Schockraum” las, sagte ich auch sehr oft: “Oh Mann… woanders ist auch Scheiße!”. Ich erinnere mich an eine Geschichte von damals zirka 6 Jahre muss das her sein, als ich noch stationär arbeitete. Da musste ich in einem Frühdienst 2x den RTW rufen. Das erste Mal stellte sich der Notfall als ein Fieberkrampf wegen einer Urosepsis dar. Das zweite Mal waren es die selben Symptome, da war es ein Schlaganfall. Jedesmal waren es die selben Sanitäter. Ich kam mir echt blöd vor, weil es in meiner Schicht, in der selben Etage, im selben Doppelzimmer war. Aber ich musste, es ging nicht anders. Ich habe immer lieber den KV Arzt 116117 gerufen und mir war jeder Anruf bei 112 zu blöd. Ich wollte die Nummer nicht missbrauchen und ich werde es auch nie tun.

Was mir sehr gut gefallen hat an diesem Roman. Er menschelt so richtig schön. Es ist keine superschwierige Sprache. Der Schreibstil ist fluffig. Kim wird einem sympathisch, wenn man es zulassen möchte. Wenn man Herz hat, dann versteht man auch seine Probleme im Job. Man kann seine Ängste und seine Belastungen nachvollziehen. Wenn man dieses Buch liest, wünscht man sich auf der Stelle so einen Teampartner wie Benny. Der einfach da ist, wenn man ihn braucht. Der dann mal einfach so einen Roadtrip zum Abschalten mit einem macht. Übrigens meine Strategien zum Abschalten waren bis vor Covid19 immer Konzerte gewesen … ich habe von einem Konzert bis zum nächsten Konzert gearbeitet. Das fehlt mir total für mein inneres Gleichgewicht. Egal, “Schockraum” tut mir auch gut, für mein inneres Gleichgewicht. Es sagt mir, dass es nicht nur mir in der Pflege so geht, dass man sich aufopfert und man das Gefühl hat, man ist 24/7 überfordert. Mit sich, dem Leben und der Arbeit. Ohne Spoilern zu wollen, Kims Weg aus dem Schockraum ist ein guter, weil er ihn konsequent und mit einem Ziel an der Seite macht. Der Weg ist nicht, weil er den Job als Notfallsanitäter nicht mehr mag. Kim ist bis zur letzten Zeile im Buch loyal gegenüber dem Beruf als Notfallsanitäter. Das tut gut. Ich glaube, wenn ich jemals einen Pflexit machen sollte, dann gehe ich auch nicht, weil ich Pflege hasse, sondern weil ich das System Pflege nicht mehr aushalten kann. Weil es einen menschlich an die Grenzen des Machbaren bringt.

Ich hatte zwei drei Stellen im Buch, wo ich echt Tränen in den Augen hatte. Da hatten mich manche Fälle von Kim echt berührt und mir fielen sofort wieder Geschichten aus meiner Arbeit ein. Aber ich habe es, mit mittlerweile auch schon 16 Jahren in der Pflege, mir abgewöhnt länger als nötig mich damit zu beschäftigen. Das würde mich kaputt machen. Schneller als es mir lieb wäre.

Ich kann jedem empfehlen “Schockraum” zu lesen. Diejenigen, die in der Pflege, im Medizinischen Bereich arbeiten, werde sich über Kims und Bennys Situationen bestätigt fühlen und können “Woanders ist auch scheiße” aus voller Kehle brüllen. Und all die anderen Menschen, die nicht in dem Bereich arbeiten, könnten uns gern mehr als das Klatschen am Fenster, Lavendelsträuße und eklige Mon Cheri Packungen schenken. Es wäre echt mal Zeit dafür.

P.S.2: Und können wir noch mal über die “Blurb” auf dem Buchdeckel sprechen?! Warum erzählt da der Herr v. Hirschhausen von den Hilfskräften auf dem Rettungswagen. Da sitzen keine Hilfskräfte! Das sind 3 Jahre lang ausgebildete examinierte Fachkräfte! Genug aufgeregt.

P.S.: Und weil aktuell die “Woche der Wiederbelebung” ist, wann war Euer letzter Erste Hilfe Kurs?! Ich habe meinen im August erneuert. Und was Übrigens auch ungemein hilft den Notfallsanitätern und dem Notarzt … falls man Medikamente zu sich nimmt, nen aktuellen Medikamentenplan bei sich mit zu führen. Manchmal ist man nämlich nicht ganz so fit, das alles aufzuzählen, was man so zu sich nimmt. In meinem Falle ist die Liste etwas länger und mit nicht ganz so alltäglichen Medikamenten.

“Schockraum” ist beim Piper Verlag am 31.08.2020 erschienen. ISBN: 9783492070195

Snapdragon [Kat Leyh]

Dieses Buch ist ein weiteres Buch aus meinem okComics Carepaket aus dem letzten Monat. Ich habe mich für dieses Buch interessiert, weil es um ein Mädchen geht, was anders ist und mit Residenz und Mut, neue Freunde und Wissen gewinnt. Starke Mädchen braucht die Welt. Vor allem solche, die sich gegen blanke Vorurteile, Konventionen und schnöde “das war schon immer so, benimm Dich und passe Dich der Mehrheit an” Attitüden mit aller Kraft wehren. Und wozu ZURECHT?

Über das Buch: Snapdragon lebt in einer Kleinstadt. Sie hat als “Freund” den Hund des ehemaligen Freundes ihrer Mutter, den die Mutter wegen häuslicher Gewalt der Wohnung verwiesen hat. Snapdragon hat ebenso noch Lulu als Freund. In der “weißen” Welt haben es die Beiden nicht leicht. Desweiteren hat Snap, wie sie von ihrer Mutter gerufen wird, großes Interesse in Abenteuer und sie will wissen, was es mit der Person auf sich hat, die in der Kleinstadt nur als “The Witch” bezeichnet wird. Es ist eine mysteriöse Person, die in langen schwarzen Gewändern herumläuft, eine Augenbinde trägt und allein außerhalb der Stadt lebt. Man spricht von “the Witch” nur, dass sie Tiere frisst und gruselige Sachen macht. Snap überwindet die Vorurteile und begibt sich auf die Konfrontation mit The Witch. Dabei lernt sie einiges Wichtiges fürs Leben. Traue niemals dem ersten Eindruck. Höre niemals auf Vorurteile anderer. Lass Dich nicht von Deinen Träumen und Wünschen abbringen. Kämpfe dafür. Schätze das Leben, jenseits der Menschen und glaube auch an Deine innersten Werte und Kräfte (Magie).

“Witches don’t fit into the roles we’re supposed to. So, we are always on the outside.”

page 122 (Kat Leyh “Snapdragon”, firstsecondbooks)

Über die Autorin: Kat Leyh ist aus Chicago. Sie schreibt und illustriert. Sie hat an den Lumberjanes als Co Autorin mit gearbeitet. Mehr Infos auf ihrer Homepage.

Meine 10 Cents: Ich habe diese Graphic Novel sehr gemocht. Ich habe Snapdragon absolut und gern auf ihrem Weg folgen wollen. Ich mag starke Persönlichkeiten, wenn sie an sich selbst auch zweifeln. Persönlichkeiten, die sich Konventionen entgegenstellen. Persönlichkeiten, die an ihren geeky Freuden festhalten und Menschen kennenlernen möchten, die ebenso wie sie selbst marginalisiert werden. Persönlichkeiten, die mit ihrem sturem Ego Freundschaften zusammenschweißen können und für ihre Werte kämpfen. (Und wenn dies mit Magie geschieht, dann ist es eben Teil eines Comics …).
Snapdragon ist wunderbar portraitiert. Eine selbstbewusste junge Frau, die manchmal etwas grimmig kuckt, aber so schaue ich auch, wenn ich meinen Willen durchsetzen möchte. Snap hat ein Gespür für Natur, Liebe, Wertschätzung, den Wert einer Freundschaft und dies vermittelt dieses Buch total und hat mir die ein oder andere Träne ins Gesicht gezaubert. Ich find das Buch so gut, dass ich es zwei Mal las und ich die Panels immer mal wieder anschauen mag.

Das Buch ist 2020 bei firstsecondbooks erschienen. ISBN 9781250171115 und ich hab es beim Indie gekauft.

KOMPROMAT [I LIKE TRAINS]

Sie haben es getan! Jawohl! Nach 8 Jahren … endlich wieder ein neues Album. I like trains – meine heiß und innig geliebte Haus- und Hofkapelle aus Leeds, die vormals bekannt waren für wundervolle Moritaten im Postrockgewand (wo am Ende gefühlt 219 Leute stilvoll dem Leben abhanden kamen), sind mit einer Menge neuer Ideen und einer Menge aufgestauter politischer & gesellschaftskritischer Unzufriedenheit ins Studio gegangen. Heraus gekommen dabei ist “Kompromat”. Ein Album mit 9 Songs knapp 45 Minuten Spielzeit, die richtig auf Krawall gebürstet sind. Es ist eher Punk als Rock, was nach dem Post kommt. Mr T meinte, dass der Sprechgesang von Dave Martin ihn an Lou Reed erinnern würde. Die reudigen schrägen Gitarrentöne tun ihr Übriges.

  • A Steady Hand – ist ein scheinbar abgehacktes Monstrum, was sich um eine sehr von sich eingenommene Person dreht, die im Mittelpunkt steht. Eine Überheblichkeit, die sich in den Wiederholungen verstärkt. Dazu noch die Worte “take a long hard look at yourself in the mirror / and tell me the first thing / that comes into your head / I am the President / I am the president / I am the president / I am the overfed bigoted” … wer den Bezug zu einer real existierenden Person nicht versteht, den kann ich dann nicht verstehen.
  • Desire is a Mess – knallt in genau die selbe Kerbe, ein Individuum, was sich ins Rampenlicht stellt und von Selbstüberschätzung alles klein macht. Das Staccattogewitter geht weiter und die kleinen kurzen Wortfetzen machen die Übersteuerung in den Worten noch härter / unerträglicher für das Wohlbefinden. Aber es passt unmissverständlich.
  • Dig In – startet mit zwei Riffs, die einem sofort an Joy Division und auch The Knack erinnern. In Dig In geht es irgendwie um das Planen von Dingen und das Timing manches Mal doch das Wichtigste ist. Wir als Plebejer können aber gar nichts machen, wenn politische Entscheidungen gemacht werden. Wir sind Spielball der Geschichte und nun ja, schön wäre es, dann tief in sich zu gehen und zu resümieren, ob man Entscheidungen, die man mal getroffen hatte (Beispiel in einer demokratischen Wahl), immer die Richtigen waren. Das Timing für solche Entscheidungen ist eben alles. Wir sind dann abhängig von den Entscheidungen. Wir hängen am Seil und sinken gemeinsam ins Schlamassel … sehr optimistisches Stück Musik.
  • PRISM – ist mein Lieblingsstück auf dem Album. Es ist ein kleines musikalisches Juwel. Spätestens an der Stelle des Albums weiß man, dass I LIKE TRAINS eben doch immer noch die selben I LIKE TRAINS sind, wie man sie vorher schon kannte. Aber hier merkt man, dass sie gar nicht sooo viel geändert haben an der Musik. Der Gesang ist etwas härter geworden und der emsig stetig Layer über Layer aufgebaute Gitarrenteppich ist ein bisschen nach hinten gerückt. Der Gesang und die Lyrics stehen bei KOMPROMAT im Vordergrund. Ab PRISM rücken die Gitarren mit teils schrägen Untertönen, die ich sehr mag in den Fokus. PRISM ist einfach nur superschön. “My heart is strong and hell will freeze / before you hear a word from me / before you hear a word.” Das Lied gibt Hoffnung und Lebensmut in jedwede Richtung.
  • Patience Is A Virtue – Allein für den Gitarrenquietscher am Ende des Songs liebe ich das Stück. Das ist richtig gegen den Strich gebürstet. Merci. Ach ja, danke für diese Frage: “How can I concentrate with all this noise?” … also ich beantworte mal für mich: “Natürlich gar nicht. Ich kann mich in heutigen Zeiten ganz schlecht konzentrieren. Es ist ganz arg schrecklich. Ich bin schlapp von allem. Der politischen Lage, dem Dauerzustand emotionaler Erschöpfung, die scheinbar ein gesellschaftliches Problem dieser Tage ist.
  • A Man of Conviction – Dieses Lied ist so eine Art Demutsbekundung. Pass auf, ich bin jetzt hier, ich hab es gesehen, dass die Situation in der wir uns befinden, auf uns zu kam, aber ich kann halt daran nichts ändern. Damit muss man erst mal klarkommen. Aber Demut auf solch poetisch musikalisch stimmige Art zu hören, ist umwerfend.
  • New Geography – Das Lied ist noch melodiöser als das Stück davor und schlägt noch weiter in diese Demut / Stillstandskerbe rein. Das ist ganz schön (im wahrsten Sinne des Wortes) frustrierend.
  • The Truth – Das Lied befasst sich mit der Wahrheit und der Wahrheitsfindung. Mit der Definition von Wahrheit. “The Truth is ready when you are.” In Wahrheit und Truth lässt die lange Auflistung in dem vom Anfang des Album wiederkehrenden Staccato im Gesang unangenehme und unzufriedene Stimmung wieder aufleben. Man kann eben nicht in Demut und Stagnation leben. Das bringt einen auch nicht weiter. Ich mag den nebenher Basssound, der das Lied bestimmt, sehr.
  • Eyes to the left (feat. Anika) – Dieser Song ist das Resümee des Albums. Die Erkenntnis, man wird mit modernen Medien überwacht, man hat mit eigenen Entscheidungen und sei es Fehlentscheidungen inkompetenten Menschen zu Machtpositionen verholfen. Es ist keine Zeit sich in Gram zu suhlen, denn das ändert nichts. Aber dieser Song, der mit “alarmähnelnden Keyboardsounds” beginnt, wird in der Mitte von der Bass / Gitarrenwand überrumpelt und einem wird die Frage übergebraten, ob man sich mit all den News ernsthaft auseinandergesetzt hat oder nicht. Tue was oder bleib da, wo Du jetzt stehst. Hoffnungslos in einem komischen Machtgefüge, was sich um Wahrheit und Lüge, Selbstüberschätzung, Populismus und Co. sich dreht.

Das Album ist echt harter Tobak, textlich. Es erschließt sich nicht beim ersten Mal. Da ist man von dem Sound überrumpelt und man denkt sich: Oh weia, da hatte aber jemand so richtig schlechte Laune. Vor allem wenn man Artist und Repertoire aus dem Backkatalog kennt (und liebt). Je öfter man das Album hört, findet man immer weniger Kanten. Meine Interpretationen mögen höchstwahrscheinlich viel zu weit gehen, aber das ist mir vollkommen egal. Es sind ja meine Interpretationen. Die Songtexte lassen zu vielen Interpretationen und Deutungen massig Spielraum. Eins ist klar, dass Unzufriedenheit herrscht und dass diese Unzufriedenheit unbedingt vertont werden musste. Ich war sehr glücklich, die Gitarrenwand immer noch hören zu können und ich hätte sehr große Lust dieses Album im Ganzen irgendwann mal nach der Pandemie live zu sehen. Aber The Truth is: “Das kann noch etwas dauern.” Ebenso die Veröffentlichung der analogen Tonträger, denn die können erst Ende September verschickt werden. Die Produktion dessen hat sich dank Pandemie verzögert.

Nichts desto trotz über Bandcamp kann man sich das Album schon digital käuflich erwerben.

Partikel [Berit Glanz]

Ich liebe Gedichte, Lyrik, poetische Texte und das Meer. Das ist kein Geheimnis. Auch nicht auf meinem eigenen Blog. Ebenso ist es kein Geheimnis, dass ich mich oft ganz schwer tue mit arg moderner, progressiver Lyrik, die auf Gedeih und Verderb besonders sein möchte. Aber ich teste alles aus. Bei Berit Glanz bin ich allerdings auf geschmeidig schöne Poesie gestoßen, die in dem kleinen Band namens “Partikel” zum Einen sich mit dem Wort Partikel und seinem Zusammenhang in geophysikalischer Bestimmung an der Ostseeküste als Naturobjekt sich befasst. (großer Nerdfaktor)

“Die farblosen Tröpfchen im Nebel
streuen das Licht
und machen mit ihrer Sichtbarkeit
die Dinge unsichtbar.”

Seite 36, “Partikel” (2020 Reinecke & Voß)

Zum Anderen beschäftigen sich die Zeilen mit dem plötzlichen, sich quasi in Staub aufgelösten, Verschwinden des Malers Alfred Partikels, der im Herbst 1945 nicht mehr in Ahrenshoop gesehen wurde und seit dem als verschollen gilt.

“Figuren tanzen durch Farben
stark und flächig
und Alfred Partikel
wird Teil des Ganzen.”

Seite 18, “Partikel” (2020 Reinecke & Voß)

Und zu guter letzt malt Berit Glanz mit ihren Worten Fischland-Darß, die Ostseeküste so dermaßen schön aufs Papier, sodass ich sofort an die Ostsee möchte. (Der Urlaub in Oktober ist geplant – Ostsee ich komme.) Mit Fischland-Darß verbinde ich den ein oder anderen Sommerurlaub in meiner Kindheit. Meine Familie hat zwar nie direkt in Ahrenshoop, soweit ich mich erinnere, Urlaub gemacht, aber wenn wir in der Nähe waren, war der Besuch dieses Ortes essentiell.

“Die Uferschwalben am Kliff
in der Sommerhitze des Fischlands
die Winterbernsteine und ihre
Elektrostatik bei Reibung
am Wollmantel.”

Seite 27, “Partikel” (2020, Reinecke & Voß)

Dieser Gedichtband tut gut. Ich konnte mich in den Worten fallen lassen und ich spürte die Nähe zum Meer und zur Küste. Ebenso spürte ich, dass ich nur ein Teil des Ganzen bin. Ein Partikel im Weltenraum der Geschichte.
Irgendwann verschwindet man. Vielleicht nicht so plötzlich und ohne Zeugen wie Alfred Partikel und möglicherweise wird auch kein Lyrikband über mein Verschwinden geschrieben, aber sich bewusst zu sein und zu werden, dass man nicht der Mittelpunkt der Welt ist, ist immer wieder wichtig in heutigen Zeiten.

Eine Frage bleibt jedoch und wahrscheinlich noch eine ganze Weile:

“Warum sich in einer Gruppe auflösen
wenn am Schluss die Teilung steht?”

Seite 18, “Partikel” (2020, Reinecke & Voß)

Das Buch ist bei Reinecke & Voß 2020 erschienen (ISBN: 978 3942901406). Berit Glanz hat mir dieses Buch geschenkt.

Über die Autorin: Berit Glanz ist 1982 in Preetz geboren. Sie hat Skandinavistik und Theaterwissenschaften studiert. Seit 2010 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Greifswald. 2017 war sie Jury- und Publikumspreisträgerin des Literaturpreises Mecklenburg – Vorpommern. Ihr Debütroman heißt “Pixeltänzer” und ist prämiert mit dem Hebbelpreis.

Bog Bodies [Declan Shalvey]

Über das Buch:
Es ist eine fiese kurze Crimestory, die vor den Toren von Dublin in deren Höhen sich spielt. Eine Frau, genannt Neev, ist verschwunden erklärt worden, ein Typ namens Kilian ist Mitglied einer Gangsterbande und er hat einen Auftrag nicht richtig ausgeführt, wofür er gerächt werden soll. Dafür wird er von zwei sehr unsympathischen Gangstertypen vor die Stadt gefahren, wo er umgebracht werden soll. Kilian kann fliehen und dann beginnt die Jagd und das Verstecken, wo er Neev kennenlernt, die verängstigt sich im Wald versteckt hat. In dieser Graphic Novel geht es um den Horror des nackten Überlebens, wenn Menschen hinter einem her sind.

Über die Autoren:
Declan Shalvey ist Ire. Er hat das Buch geschrieben. Er arbeitet als Autor, sowie als Illustrator von Graphic Novels. Er illustrierte für image Comics den ein oder anderen Batman, Deadpool oder Punischer Band und dies zusammen mit dem Autoren Warren Ellis. Seine erste in Irland spielende Graphic Novel war “Savage Town”.
Gavin Fullerton ist ebenso Ire. Er hat Bog Bodies illustriert. Er hat unter anderem die Storyboards für Disneys “Space Checkens in Space” geschaffen.

erschienen 2020 bei image Comics “Bog Bodies” Declan Shalvey

Meine 10 Cents:
Dieses Buch ist sehr dünn. Die Geschichte ist sehr schnell erzählt, wobei ich eine andere Story erwartet hatte. Es ist ein Kammerstück an nackter Gewalt in Sprache, dem Ton und der Charaktere untereinander.
Die Story ist düster. Man wird im irischen Original (Slang – holla die Waldfee) mit dem Lokalkolorit Englisch konfrontiert, wie als wäre es die gezogene Knarre. Was zur Folge hat, dass Du als Leser noch direkter in das gewalttätige Milieu geschleudert wirst. Ohne Erbarmen. Geradeaus. Die Charaktere werden einem bis zum Schluss nicht sympathisch, aber sie sind überzeugend unsympathisch, was dem Lesen gut tut.
Kilian, der naiv wirkende Unglücksbold, der den Auftrag seiner Gangsterkollegen nicht korrekt ausführte, wird bis zum Schluss als nicht ganz so helle dargestellt. Einen Vorteil hat er, er ist immer noch heller als seine Gangsterkollegen. Helfen wird es ihm aber auch nicht wirklich (Spoiler). Er hat wenigstens eine kleine Spur an Empathie gegenüber Neev.
Die beiden Hächer und Gangsterkollegen sind. einfach nur hässlich im Äußeren (überzeugend illustriert), in der Sprache, in ihrem Auftreten und in ihrem Tun.
Neev, die Frau, die als Storyfaden mehr oder weniger zu sehen gilt, ist für mich nicht gut genug ausgearbeitet worden. Ich hätte gern noch irgendein Ende für Neev in der Story gehabt. Und sei es ein offenes Ende gewesen, aber sie wird einfach gar nicht mehr erwähnt, was ich schade finde, denn der Beginn der Story war ja auch mit ihr. Ein “Sie lief die Straße zurück in die Stadt.” “Sie versteckte sich weiterhin.” “Sie wurde erschossen aufgefunden …” oder was auch immer, hätte ich gut gefunden. Deswegen war ich mit dem Ende nicht ganz zufrieden. Ich hätte aber keinesfalls Kitsch mir gewünscht.

Für experimentierfreudige Graphic Novel Leser, die auf derbe Sprache, kantige Figuren, düstere Illustrationen, storymäßige Quickies mit irischem Akzent stehen und mehr auf den psychologischen Gehalt eines Werkes schauen, sei dieses Buch empfohlen.

Es ist bei image Comics erschienen. ISBN: 978-1-5343-1330-9

The Garden [Fumio Obata]

Über das Buch: Wir begegnen Joanna, die vor 6 Monaten in ihrem Job in der Finanzwirtschaft einen Burnout erlitt. Ihre Krankheit gekennzeichnet durch Müdigkeit, Antriebslosigkeit, keinem sinnvollen Ziel finden und Desinteresse fällt ihr schwer. Sie kann nichts Gutes an ihrer eigenen Situation finden, denn sie weiß, dass sie ihren Job gut machte. Sie ist an ihren eigenen hohen Ansprüchen gescheitert und daran kaputt gegangen. Ihre Schwester bringt sie dazu sich auf Dinge zu konzentrieren, die Joanna aus dem tiefen Loch und dem ständig über ihre Arbeit und ihr Tun nachzudenken, Ablenkung geben kann. Hinter dem Haus von Joanna ist eine freie ungepflegte Fläche und darum könne sie sich doch mal kümmern. Eigentlich wollte aber Joanna lieber in der “kranken” Zeit sich um Online Trades kümmern. Mit Hilfe ihrer Schwester schafft es aber Joanna sich auf das Großprojekt Garten zu besinnen. Sie fand schon immer japanische Gärten schön. Joanna schlief eine Nacht über den Gedanken und dann erzählte sie ihrer Schwester, dass sie sich für einen Workshop in Kyoto angemeldet hat, für japanische Gartenkunst und das Flugticket auch gebucht wurde. Das Buch ist ein Selbstfindungstrip. Es ist die Suche nach dem Inneren Halt, nach dem “ausgelutschten Begriff” der Achtsamkeit und es geht um das wortwörtlich Begreiflich Machen eines Gartens, sowie um Freundschaft, Natur, Inspiration und seelischer Gesundheit.

Über die Autoren:
Fumio Obata ist Illustrator und Animateur und inspiriert von japanisch europäischer Ästhetik. Illustrationen gab es bei einem weiteren Buch “Just so Happens” von Jonathan. Cape (2014)
Sean Michael Wilson ist der Texter des Buches. Er lebt in Schottland und Japan. Seine Themen sind Geschichte, Biografien und Sozialkritisches.

Meine 10 Cents:
Ich habe jahrelang in meiner Wohnung bis auf den wöchentlichen “einmal quer über die Wiese gelatscht” Blumenstrauß keine weiteren Grünpflanzen gehabt. Mit der Covid 19 Zeit sind bei mir Bananen eingezogen, die wachsen und gedeihen, wie nichts Blödes. Es kommen mit Sicherheit noch mehr Pflanzen dazu. Die tun wirklich gut. Ich persönlich kann mit dem Achtsamkeitshype nichts anfangen. Ich weiß noch, dass ich 2018 einmal für 2 Wochen krank geschrieben wurde von meiner Fachärztin mit den Worten “wenn sie so weiter machen, dann brennen sie aus”. Ich bekam dann zwei Achtsamkeitsratgeber angepriesen. Das eine habe ich durchgelesen und fand es richtig mies. Das zweite flog im weiten Bogen wieder aus meiner Wohnung. Ich kann damit nichts anfangen. Hätte ich dieses Buch zur Stelle gehabt, hätte es mir mehr geholfen, denn den Fokus zu legen auf Dinge, die einem gut tun und nichts persönlich zu bewerten, sondern einfach mal Tatsachen, Tatsachen bleiben zu lassen, fällt uns allen schwer, aber mit dem Buch wird man darauf unmissverständlich darauf gestoßen und man reflektiert sich selbst. Ganz unterschwellig, aber direkt. Dazu sind die Illustrationen von Fumio Obata wunderschön.

Das Buch ist bei Liminial 11 im Jahr 2020 erschienen (ISBN: 9781912634163). Das Buch habe ich bei okcomics gekauft. Unterstützt #indiebooks #indiebookstores

Ok Comics [Shop]

Macht man so etwas auf Blogs? Hemmungslose Werbung, Beweihräucherung eines Shops? (Ich werde nicht dafür bezahlt, ich habe lediglich große Sehnsucht!) Und wenn schon, es ist mir egal.

Ich vermisse es, Lieblingsorte zu besuchen. Einer dieser Lieblingsorte ist Ok Comics in Leeds. Der Laden ist in einer sehr schnieken Einkaufspassage und ist gefüllt über zwei Etagen wie ein U-Boot. Ich habe bei allen Besuchen in Leeds immer den Laden besucht und bereits beim ersten Betreten mein Herz darin verloren.

Das fängt damit an, dass der Laden liebevoll dekoriert ist. Man wird beim Trüffel ausheben nicht belästigt und kann in Ruhe stöbern. Wenn man eine Frage hat, dann wird sie sofort mit einer richtigen Antwort und Empfehlung quittiert. Ich brauche in dem Laden keine 10 Minuten, um mich finanziell zu ruinieren.

Ich bin nicht die Superhelden Comicleserin. Ich habe mich eingeschossen auf abgeschlossene Stories mit schrägen Persönlichkeiten, mit queerem Inhalt, mit sozialkritischen, politischen und insgesamt interessanten Inhalten. Es ist egal, ob es urbanfantastisch, Sciencefiction geladen oder eine Sachbuch Graphic Novel ist. Ich lese an Graphic Novellen genau solche Sachen, wie in reiner Schriftform. In die Materie Graphic Novel / Comic bin ich durch das Werk von Neil Gaiman gekommen. Danach habe ich mich immer mehr in alle anderen Richtungen bewegt und eine Menge gelesen und ausprobiert.

Im letzten Jahr kaufte ich bei OkComics Chris Ware “Rusty Brown”, was mir sehr gefiel. Chris Ware war ursprünglich für die Graphic Novel Tage in Hamburg angekündigt, wofür ich ein Ticket im Literaturhaus hatte. Leider kam aber die Pandemie dazwischen und die Veranstaltung wurde abgesagt. So sind meine Chris Ware Bücher nach wie vor unsigniert. Das wird nachgeholt. Ganz bestimmt.

Dieses Jahr hatte ich wieder einen Besuch in Leeds geplant. Ich wollte zum 5. Goth City Festival fahren, aber dieses Festival ist aus bekannten Gründen abgesagt und richtig Lust auf Reisen habe ich zur Zeit sowieso nicht. Anstelle dessen habe ich mich in der letzten Woche durchgerungen mit einem von mir gesetztem Budget ein Graphic Novel Carepaket mir von OkComics schnüren zu lassen. Nach zwei drei tweets, schrieb ich an die Shop Email Adresse und sagte an, wofür ich mich in der Vergangenheit begeistern konnte. Jared hat daraufhin mir eine ultimate Liste an Neuerscheinungen mit Kurzreviews geschickt, aus denen ich mir dann 6 Bücher auswählte. Diese kaufte ich und nach einer reichlichen Woche war das Paket am Dienstag in Hamburg wohlbehalten angekommen.

Im Paket drinnen waren folgende 6 Bücher:
+ Fumio Obata “The Garden”
+ Kat Leyh “Snapdragon”
+ Declan Shalvey “Bog Bodies”
+ Paco Roca “Twists of Fate”
+ Matthew Dooley “Flake”
+ Joe Sacco “Paying the land”

Ich bin sehr dankbar für den schnellen unkomplizierten Kundensupport und das versüßt die entertainmentarme Zeit in der Covid19 Ära.

Beim nächsten Besuch in Leeds werde ich wieder bei okComics auftauchen und dann dort analog Buchwünsche und -empfehlungen mir erwerben.

Bis dahin, #stayhealthy #support #indiebookstores.

Mehr Infos zu okComics gibt es hier und auf twitter via Jared

1918 – Die Welt im Fieber [Laura Spinney]

In Zeiten der Covid19 Pandemie kann man einerseits sich auf Romane stürzen, die zu Zeiten von Pandemien spielen oder man liest Sachbücher über Pandemien und wie sie die Welt veränderten oder beeinflussten. Ich bin so ein Mensch der zweiten Kategorie. Ich bin ein bisschen befangen, weil ich in der Pflege arbeite und ich mich für medizinische Sachen von Haus aus interessiere. Ich halte Covid19 für eine Gefahr für den menschlichen Körper und ich tue alles, was mir möglich ist, mich davor zu schützen. Ich trage meine Masken täglich, sobald ich das Haus verlasse und natürlich auf Arbeit. Ich bin da zwar mittlerweile gefühlt sehr alleinstehend, habe ich das Gefühl, aber ich tue es nicht nur für mich.

Laura Spinney “1918 – Die Welt im Fieber” ISBN: 978-3-446-25848-8 // erschienen bei Hanser Verlag

Über die Autorin: Laura Spinney ist eine britische Wissenschaftsjournalistin, die für unter anderem den National Geographic, Nature und Economist schreibt. Sie hat auch einen Roman veröffentlicht. Mehr Infos erfahrt ihr über Laura Spinney Dot Com und bei twitter

Über das Buch: 1918 brach über die Welt in den Endzügen des 1. Weltkrieges eine verheerende Grippepandemie ein, die später als Spanische Grippe bezeichnet wurde. Inwiefern diese Grippe, die Welt gesellschaftlich, ökonomisch, politisch, gesundheitsfördernd änderte, wird in diesem Buch umrissen.
Die Autorin erklärt dabei, was bereits vor der Spanischen Grippe an Infektionskrankheiten mit ähnlichen Symptomen wüteten. Wie man versuchte dem Herr zu werden und die Deutungshoheiten der Pandemien.
Außerdem wird in dem Buch mit einzelnen Fällen / Fallgeschichten die Spanische Grippe und der Umgang mit dieser in der Bevölkerung / den Offiziellen näher gebracht. Gute, sowie auch schlechte Beispiele.
Wie ist die zweite sehr tödliche Welle über die Welt eingebrochen? Und inwiefern wurden Länder betroffen, die aufgrund der ersten Welle vieles richtig machten, aber dann “Lockerungen” einführten.


Meine 10 Cents: Sicher habe ich das Buch gekauft, weil es gerade tagesaktuell zu Zeiten der Pandemie im Laden wohlfein als Saisonware herumstand. Ich bin ein klassisches Sachbuchopfer, jedoch ist mir die Sars Cov-2 Pandemie nicht egal. Ich persönlich habe Angst vor einer Infektion. Ich persönlich bin nicht amüsiert aufgrund von Nachlässigkeit, Dummdreistigkeit anderer Mitmenschen länger als nötig etwas von der Pandemie zu haben. Man weiß, dass die Spanische Grippe 2 Jahre lang die Welt beherrschte. Wir sind bis dato erst am Anfang der Sars Cov-2 Pandemie. Umso wichtiger fand ich die Lektüre, die sich mit den Automatismen der Pandemie populärwissenschaflich auseinander setzte. Das Buch erschien 2017 also weit vor Sars Cov-2, umso bemerkenswerte finde ich den einen Satz.

“Irgendwann wird ganz sicher wieder eine Pandemie ausbrechen, doch dann wird es von der aktuellen Weltlage abhängen, ob ihr zehn Millionen oder hundert Millionen Menschen zum Opfer fallen werden.”

Laura Spinney, Seite 202 (Kapitel “Die Toten zählen”) aus “1918 – Die Welt im Fieber” (Hanser Verlag)

Ich habe dank des Buches noch einmal die Wirkweise von Influenzaviren wiederholen können und verstehe nun die Bezeichnungen HxNx und bin sehr dankbar, dass sich wissenschaftlich darauf geeinigt wurde, den Krankheiten keine geografischen Bezeichnungen mehr zu geben, um eben nicht Menschengruppen zu marginalisieren. Wenn das wie im Falle von Sars Cov-2 trotzdem wiederholt gemacht wird, dann tut mir dies einerseits leid und andererseits finde ich dies ein populistisches machtmissbrauchendes Verbrechen und gegen die Menschlichkeit.
Die Geschichte wird zeigen, wo genau Person Null von Sars Cov-2 möglicherweise zu finden war. In Spanneys Buch wird diese Frage auch für die Spanische Grippe gestellt und es gibt nicht nur eine Antwort darauf, sondern mehrere Möglichkeiten, die ich zugegebenermaßen noch nicht alle kannte.

Eins haben die Pandemien gemeinsam. Die Verbreitung des Erregers kann man nur durch Abstand, meiden von großen Menschenmassen, Hygiene und gesunderer Ernährung (wie auch Menschenverstand) eindämmen.

In diesem Sinne, ich lüfte jetzt meine Wohnung, feudel einmal meine Wohnung, wasche mir die Hände und werde meinen Salat essen. Ach ja, wenn der Impfstoff da sein wird, werde ich mich impfen lassen.