Carmen in Zeiten der Corona Pandemie [Alleetheater Hamburg]

Halten wir ein paar Dinge fest, die ich in meiner Meinung nicht umstoßen kann. Die galten vor der Pandemie und die gelten auch jetzt noch.

  1. Live ist es immer besser Künstler kennen zu lernen und zu erleben. Es ist immer besser dann, deren Qualitäten im Spiel und im Interagieren mit den Kollegen zu sehen. IMMER. PUNKT. AUS. BASTA.
  2. Ich habe durch Konzerte mehr die Chance neue Künstler kennen zu lernen und meinen musikalischen Horizont zu erweitern als von Musik auf Scheibe.
  3. Ich habe mit dem Phänomen Großveranstaltungen zu mögen bereits in meinen frühen Teenagerjahren aufgehört. Rock am Ring und das ein oder andere Stadionrockkonzert einer Jugendsünde haben da gereicht. Ich brauche das nicht. Das waren mir damals schon zu viele Menschen auf einem Fleck. Intimere Stimmung und interessantere Setlists gibt es im Club. Da probieren sich Künstler aus. Oder eben auch in der Kammeroper, wo man liebevoller und gewagter in den Inszenierungen gegen den Strich bürstet.
Feline Knabe & Ljuban Živanović (Foto: Dr. Joachim Flügel)

“Carmen” ist die erste neue Inszenierung des Alleetheaters in der Erwachsenensparte der Saison 2020/2021. Das bekannte Stück musste Corona-konform zurecht gestutzt werden. Das heißt kleines Ensemble auf der Bühne und im Orchester Mosh Pit. Dazu wurden in dem kleinen Haus die Stuhlreihen ausgedünnt und man wird als Gast auf die Plätze nach Plan verwiesen. Also beim Kauf eines Tickets, bekommt man eine Zusage für die Preiskategorie und dann wird hygienegerecht Tetris auf den Stuhlreihen gespielt. Das klingt komisch, ist aber so und das ist auch sehr gut gelöst. Zudem wird im Publikumsraum ordentlich frische Luft durchgewälzt und auch wenn ich kurzzeitig bei der B-Premiere einen Panikanfall hatte mit kaltem Schweiß auf der Stirn und ich für 4 Arien den Raum verlassen musste, ist das alles sehr überzeugend vorbereitet und organisiert. Es gibt nur so viele Tickets zum Verkauf, wie in der Pause Menschen Platz haben sich an die zugewiesenen Tische sich hinzusetzen. Man wird am Platz aufmerksam und zügig bedient.

Worum geht es in der modernen Inszenierung von Carmen?! Wir befinden uns im Sevilla 2020 unter Coronabedingungen. Carmen ist eine Bitch, die Männer verwirrt. Yussef versucht sein Geschäft mit Würde am Leben zu halten und er hatte sich in Carmen verguckt, die ist aber mittlerweile an einem anderen Mann interessiert und gelangweilt von Yussef, der zudem auch noch eine andere Dame Micaela heiraten soll nach Mutters Wunsch … und dann ist da auch noch Escamillo, der Typ, der mit Carmen krumme Geschäfte macht. Und am Ende ist einer tot. Wie es halt so in einer guten Oper so passiert. Es ist eine sehr moderne Inszenierung. Die Story spielt in Sevilla mit Yussef als Souvenirshopbesitzer. Carmen und Escamillo kommen als überhebliche Weiße daher. Micaela und Yussef haben Migrationshintergrund. Die Menschen tragen Masken auf der Bühne. Alle Personen im Stück sind alle ein bisschen außer Kontrolle. Der Pandemie, der aktuellen soziopolitischen Situationen geschuldet?! Es ist ein absolut überzeugender Frontalhieb auf die jetzige Weltlage.

Titus Witt & Ljuban Živanović (Foto: Dr. Joachim Flügel)


Die Solisten sind allesamt fantastisch. Ich bin immer wieder überrascht, welche Goldkehlchen da auf der Bühne stehen und wie ausdrucksstark auf der Bühne auch schauspielerisch agiert wird. Die kleine Bühne wird so groß ausgefüllt, dass es ein absoluter Spaß ist, dem zu folgen. Wer kann, sollte sich unbedingt in das Theater begeben. Für diesen Sonntag soll es auch noch Karten geben.

Kultur tut Not. Und der kritische Blick auf die heutige Zeit ebenso wie auch gute Musik. Ach ja … Musik. Der Orchestergraben ist in nicht Pandemiezeiten mit bis zu 8 Musikern gefüllt. Aufgrund von Covid19 können da nur 3 sitzen und ein Dirigent agieren. Der Rest der Musik kommt vom vorproduzierten Tape. Das ist auch mal was Neues für das Alleethater und funktioniert fantastisch.
Bizets Musik ist catchy und ohrwurmtauglich. Das Arrangement für die Alleetheaterinszenierung ist wie gewohnt aufs Wesentliche und Prägnante sehr pointiert von Ettore Prandi zusammengezaubert. Die Regie hat Alfonso Romero Mora gemacht und bisher habe ich all seine Arbeiten gefeiert. Bühne und Kostüme sind von Lisa Überbacher.

Mehr Infos zum Alleetheater und zu den Tickets für Carmen & mehr Stücken des Hauses.

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