Herz aus Jazz [Sara Lövestam]

DSCN2199Sara Lövestam habe ich nicht zum ersten Mal in die Hand genommen. Im Februar habe ich mir vorgenommen nur bzw. größtenteils Frauen zu lesen. Frei nach dem Motto #Frauenpower #Femmuary … oder wie auch immer das in den sozialen Netzwerken gerade tituliert wird. Aber eigentlich war dies nicht der Grund dafür, sondern ich wollte generell mehr Frauen lesen. Ich hatte Bock darauf. Lövestam kam mir da gerade recht in den Weg. Von der jungen Dame aus Schweden hatte ich bereits im vergangenen Jahr einen Kriminalroman gelesen, den ich sehr gut fand und ich bin nicht der typische Krimileser. Das Buch hieß “Die Wahrheit hinter der Lüge”. Das Buch, welches ich jetzt las, war “Herz aus Jazz”. Dies ist alles andere als ein Kriminalroman.

“Sieh mal, das Entscheidende ist doch, dass man aufgeweckt genug ist, seine Ziele zu modifizieren.”

aus dem Buch S. 152

Über das Buch: In Herz aus Jazz begleiten wir die Schülerin Steffi aus der schwedischen Provinz, die gemobbt wird. Steffi, die anders ist und die sich versucht durchzuschlagen und nicht von ihren Träumen, Wünschen und Zielen Abstand zu nehmen. Dabei hilft ihr ganz unbewusst ein Mann, den sie kennenlernt, als sie ihre Kopfhörer abnimmt und die Musik, die sie vorher hörte, aus einem Fenster schallt. Es war Jazz. Steffi ist so perplex, dass sie sich auf die Suche macht nach dem Ort der Musik. Sie findet sich dann im Altenheim bei Alvar wieder, der Steffis musikalischen Helden persönlich kannte. Alvar und Steffi lernen sich mithilfe der Musikleidenschaft zu Swing und Jazz kennen. Und Steffi merkt, dass sie dadurch alles andere als allein ist. Alvar gibt Steffi die richtigen Worte auf dem Weg des Erwachsenwerdens.

“Vielleicht muss man an sich glauben, damit man jemand ist. Vielleicht muss man sich was zutrauen, damit man etwas kann. Vielleicht muss man erst schlau tun, damit man wirklich denkt. Vielleicht muss man an die Zukunft glauben, damit Vergangenes ruht.”

aus dem Buch S. 92

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Meine 10 Cents: Dieses Buch ist ein Konvolut aus mehreren Dingen. Es beschreibt zum Einen Steffis Weg beim Erwachsenwerden. Steffis Umgang mit Mobbing und dem Festhalten an Zielen, dem Ziel Musiker zu werden. Steffis liebevollen Blick auf die Welt des alten Mannes Alvar. Sie entlockt Alvar Erinnerungen aus seiner Jugend und bestreitet mit ihm ganz unbewusst positive “Biografiearbeit”. Sie lässt den Mann nicht allein. Diese Freundschaft ist eine besondere. Beide Protagonisten sind anders. Beide sind schräge Vögel, die wie man immer mehr zum Ende hin merkt, sich gegenseitig brauchen und mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen sich helfen. Dabei ist eine große Schippe Empathie, Interesse und Unbeschwertheit beiderseits von klarem Vorteil. Dieses Buch ist ein schönes Buch. Es ist ein Buch, welches glücklich macht. Du musst beim Lesen kein Fan von Jazz sein. Die Musik an sich ist nur der Träger, der Steffi und Alvar zusammen führt. Das Genre an sich ist da vollkommen egal. Es hätte sicher auch klassische Musik mit genügend Nerdfaktor in der Geschichte funktioniert. Aber der Jazzkünstler, den Steffi mag, Povel Ramel gab es wirklich. Er war schwedischer Künstler mit großer Popularität. Dieses Buch ist ein Herzensbuch. Ich kann es wärmstens empfehlen.

Lövestam versteht es nebenbei auch noch die Geschichte gut zu erzählen, indem sie die Story von Steffi im hier und jetzt schreibt und sobald sie mit Alvar spricht, wird der Blickwinkel von Alvars Erinnerungen auf eine neue Erzählebene geschoben, was dem Lesefluss weder einen Abriss gab, noch langweilig daher kam. Ich fand dies sehr unterhaltsam. Ich habe zudem ganz nebenbei von schwedischer Geschichte während des zweiten Weltkriegs erfahren, was ich vorher nicht wusste.

Das Buch ist bei rowohlt Taschenbuch erschienen (26.03.2015) ISBN: 978-3-499-26900-4 … ich habe es analog gekauft (und aus der Mängelexemplarkiste gerettet) bei Heymann in Eppendorf.

Reisen ohne Ziel – Erinnerungen mit Weitblick

Ich bin ein großer Fan von Erinnerungen und Aufzeichnungen von Reisen. “Reisen ohne Ziel” ist dafür ein perfektes Buch. Es ist erschienen im Guggolz Verlag und ich kaufte dieses Buch dieses Jahr beim #indiebookday bei meinem Drogendealer des Vertrauens.

Harry Martinson der Autor ist mit 16 Jahren zur See gegangen. Für 7 Jahre. In den sieben Jahren hat er Erlebnisse festgehalten.

“Erfüllt von Pubertätsromantik, begeistert vom Piratentum und indianerblind war man zur See gegangen. Geschlechtslos romantisch brauste das Meer – Abenteuer! Abenteuer! Hinaus! Sich austoben!”

Martinsons Reisen führten ihn unter anderem nach Afrika, Island, Südamerika, Nordamerika, Indien, Deutschland … er war ein echter Nomade. Martinson war in seinen jungen Jahren mehr und weiter unterwegs, als ich es wahrscheinlich je sein werde.

17359324_1532541703422770_7870585453519887781_oDie Erinnerungen und Erfahrungen veröffentlichte er in essayartigen, skizzenhaften Anekdoten in zwei Büchern nach seiner Rückkehr von See. Der Guggolz Verlag hat diese zwei Bücher in eins gesteckt und großartig übersetzt von Klaus Jürgen Liedtke. Martinson lebte von 1904 – 1978. Er ist Schwede. Seine Erinnerungen erschienen 1932 (Reisen ohne Ziel) und 1933 (Cape Farewell).

Martinsons Blick auf die Welt ist grundehrlich und er fasst es in jugendlich direkter Sprache passend zusammen.

“Mit schwieligen Händen als Ausbeute kehrt der Lumpenwikinger heim. Rabauke der Meere und Tweed –  Kerl. Herrlich ist die Welt, aber um ihren Verstand ist es schlecht bestellt.”

Er zeigte in seinen Aufzeichnungen nicht nur den Blick auf Natur, Arbeit an Bord eines Schiffes, Eigenheiten von Nationen und Menschen, denen er begegnete, sondern ebenso den Weitblick, was politische Strömungen um diese Jahre schon ankündigten.  Seine Zitate sind zwar von den Dreißigern, aber sie wirken sarkastischerweise so modern, dass es mir beim Lesen fast den Atem stockte.

“Weiß Gott, ich hasse gewiss nicht Amerika, dieses große und wundersame Land. Aber ich hasse und verfluche die Nation der Heuchelei, die ihre dreckigen Zehen in allen Ländern, auf allen Breitengraden zeigt und sich in den meisten Hirnen und Herzen festgesetzt hat.”

Martinsons Worte sind scharf beobachtend und und andererseits witzig. Er nimmt seinen Leser auf seine Reise ohne Pausen und Hänger mit. Dabei wird man auf seine Ebene gezogen. Man sympathisiert mit dem Erzähler. Man erfreut sich an der jugendlichen, teils fotzelnden ironischen Sprache und ich konnte mich begeistern für Martinsons Beschreibungen ohne Weichzeichner. Wenn er manchen Menschenschlag nicht mochte, dann schrieb er es auch und wenn er manchem Landstrich nichts abgewinnen konnte, so schrieb er es ebenso auf.

“Nord – Ostsee – Kanal heißt ein langweiliger, altväterlicher Kanal, der immer irgendwie an Onkel Bräsig erinnert.”

Ich könnte noch mehr Zitate aus dem Buch herausfiltern. Mir hat das Buch große Freude bereitet und ich habe unzählbar viele Zitate mir notiert, weil ich sie schön fand. Ich konnte schmunzeln und ich war begeistert von der modernen Sprache des Autoren. Ich wünschte noch mehr so flockig leichte Erinnerungen lesen zu können. Dieses Buch geht weiter als Reiseliteratur. Es ist ein Buch, welches einen jungen Mann begleitet auf seinem Erwachsenwerden und dieser junge Mann betrachtet auch kritisch seine erkundete Welt. Ich kann dieses Buch unbedingt empfehlen vor allem für Leser, die gerne kurze Kapitel lesen mögen. Leser, die sich an schönen Beschreibungen mit Witz ergötzen können.

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gekauft analog bei Cohen und Dobernigg Buchhandel