Drei Mal Portugiesische Melancholie in [Al Berto]

Ich bin auf Al Berto durch meinen portugiesischen Freund und Bekannten Francisco aufmerksam geworden. Er ist ein totaler Fan von ihm und sammelt alles von Al Berto. Auch fremdsprachige Übersetzungen seiner Werke. Alle Auflagen und Francisco hatte sich von mir gewünscht, dass ich ihm die deutschen Ausgaben besorgen könne. Er hatte nur einen Link zu einem Second Hand Laden gefunden. Ich habe aber direkt beim Verlag bestellt und weil ich nicht nur ihm die Freude machen wollte, habe ich mir ebenso den kompletten deutschsprachig verfügbaren Katalog von Al Berto bestellt.

Al Berto ist einer der wichtigsten portugiesischen Lyriker der Gegenwart. Sein wichtigster Poesieband “O Medo” erschien 1991. Den kenne ich noch nicht. Im Elfenbein Verlag sind bisher 3 Bände von Al Berto erschienen. Der 4. Band soll 2021 auf Deutsch verlegt werden.

“Mondwechsel” ISBN: 978-3-932245-21-3

Der einzige von ihm geschriebene Roman heißt „Mondwechsel“. Beno reist and Meer und bezieht ein verlassenes Haus mit Blick aufs Meer. Während der raue Winter am Kommen ist und die See wilder wird, schaut Beno zurück auf sein Leben und die Menschen, die ihn dabei begleitet haben. Manchmal mit Verbitterung, manchmal mit Liebe, manchmal mit Verlustgefühlen, manchmal mit Traurigkeit. Jedoch jedesmal mit Genugtuung, dass diese Menschen ihn zu dem gemacht haben, der er jetzt ALLEIN kurz vor seinem Tode ist. Das Buch ist Al Bertos einziger Roman. Er ist voller Melancholie. Man liest sein Alter Ego heraus. Man liest seinen Bezug und seinen Umgang zum offenen Sexualleben und deren Deutungswahrheit in seiner Sprache heraus. Al Berto kann wunderschöne Bilder schreiben, aber auch äußerst derbe Dialoge zaubern. Seine Zeilen des Alter Ehos sind metaphysisch, philosophisch, sozialkritisch. Sie befassen sich mit den Themen Sex, Liebe, Tod, Respekt. „Mondwechsel“ steht als Metapher für das Leben. Die Kapitel sind in die Mondphasen eingeteilt. Beim Vollmond steckt Beno in seinen Erinnerungen voll im Leben. Beim abnehmenden Mons geht es dem Ende entgegen. Beim Zumehmenden Mond ist er in seiner Identifikationsphase. Er versucht sich in der Gesellschaft zu positionieren und zu finden. Und nicht immer hat Beno dabei Glück.

Die beiden erschienenen Gedichtbände sind “Salsugem – Salz” und “Garten der Flammen” … Al Bertos Lyrik ist die Lyrik für Mitmenschen, die nicht dem Allgemeinen gesellschaftlichen Ideal entsprechen, die in dem Europa Außenseiter sind. Seine Lyrik befasst sich einerseits mit seinen erotischen Erfahrungen und auch andererseits mit der typischen trostlosen Melancholie, die scheinbar alle Portug*iesen zur Meisterschaft aufs Papier bringen.

der krieg tötet nicht – aber er öffnet risse
in den nerven – das kann ich dir sagen
von diesem Land das ich wählte um dahinzusiechen

aus “Antwort an Emile” S. 89, “Garten der Flammen”, Al Berto, Elfenbein Verlag 2020 (2. Aufl)


In “Garten der Flammen”, seinem letzten veröffentlichten Lyrikband, beschäftigt sich Al Berto mit dem Tod und mit dem Rückblick auf sein Leben. Einerseits voller schöner Erfahrungen und andererseits tiefer Traurigkeit. Al Berto beschreibt darinnen auch seine Beziehung zu Lissabon. Mir gingen die Gedichte sehr ans Herz.

du übernachtest nicht mehr hier und redest nicht mehr mit mir
bist nicht das unmerkliche rascheln von flügeln auf papier
und in deinen leeren worten werden andere vögel hinwelken
städtische schildkröten bronzestatuen steine und rost
all dies stirbt an den schattigen Fundamenten der silben

aus 6./1980, S. 53, “Salsugem-Salz”, Al Berto, Elfenbein Verlag 2003

In “Salsugem – Salz” sind gesammelte Gedichte aus den 70er Jahren seines Lebens. Die Gedichte sind Liebesgedichte, die teils etwas hölzern für mich daher kommen. Es trieft nicht aus allen Enden der Schmalz, den man bei Liebeslyrik Vorderhin erwartet. Andererseits ist aber auch nicht Liebeslyrik zu erwarten, wo stetig gejammert wird. Al Bertos Sprache in den Gedichten ist einerseits sehr bildhaft und andererseits sehr nüchtern und trotz alledem ist da der unterschwellige Rhythmus der Tragik des Egos zu lesen. Ich mochte dies sehr.

2021 wird ein weiterer Band von Al Berto bei dem Verlag erscheinen und ich werde diesen mir mit Sicherheit erwerben. Einzig, was mir persönlich an den Lyrikbänden nicht gefiel, aber das ist meine ganz persönliche Meinung … ich kann und konnte nichts damit anfangen, dass die übersetzten deutschen Texte ohne Großschreibung der Substantive auskamen. Es ist sicherlich ein Stilmittel, aber mein Lesefluss wurde damit erheblich gestört. Ich will dann immer korrigieren. Es ist eine schreckliche Macke von mir. Ich werde auch weiterhin Lyrik lesen, die keine Großschreibung hat, aber … sehr gut gefiel mir an den Auflagen, das sie sehr robust und in handlichem Format gedruckt und gebunden sind UND es gibt ein Lesebändchen.

Wer an portugiesischer Gegenwartsliteratur interessiert ist und einen Autoren entdecken mag, der leider schon zu früh gestorben ist und Lyrik fernab vom deutschen Kanon genießen mag, der sollte hier mal hinein blicken.

Er ist Linus [Linus Giese]

Nein, ich bin nicht Linus. Er ist Linus. Ich habe das Buch von Linus Giese über den beschwerlichen Weg seiner Transition gelesen. “Ich bin Linus” ist im August 2020 erschienen.

Linus kenne ich schon seit gefühlter Ewigkeit. Ich mag seinen Blog und ich war fasziniert welch großartige Bücher er rezipieren und verschlingen konnte, was mir nur teils gelingt. Auch heute brauche ich noch Ewigkeiten dafür. Ich habe keine Nerven. Mich ermüden selbst Dinge, die zu meiner Entspannung helfen sollten. Egal. Zurück zu Linus.

Lest dieses Buch.
Denkt darüber nach, was ihr tut, wenn ihr Kommentare im Netz schreibt.
Denkt darüber nach, wie ihr Mitmenschen ansprecht, die ihr nicht kennt.
Denkt darüber nach, was es aus Mitmenschen macht, wenn ihr sie als krank bezeichnet.
Denkt darüber nach, dass man über Mitmenschen nicht einfach urteilt, ohne nicht ihre eigenen Positionen und Gründe für Handlungen kennt.
Denkt darüber nach, dass keine Mensch sich für seinen Körper rechtfertigen muss. KEINER!
Denkt darüber nach, dass Ignoranz, Intoleranz und Demütigungen, Mitmenschen ungerechtfertigterweise ausgrenzt, in die Enge treibt, psychisch erkranken lässt, was nicht nötig ist, da die systemischen Hürden der Behörden, Ämtern, Krankenkassen, Ärzten schon hoch genug sind und trans Mitmenschen echt an vielen Ecken zweifeln lässt.
Denkt darüber nach, dass trans Mitmenschen sich das nicht aussuchen, so zu sein, wie sie sind.

ISBN 9783499003127 / erschienen am 18. August 2020

Ach Leute, lest es einfach. Die Ängste und die Zweifel von Linus sind universell. Die Erfahrungen kenne ich aus meinen persönlichem Blickwinkel, der nicht in der trans Welt sich befindet. Linus’ Erfahrungen sind ein Beispiel, was Hass im Netz auf einen Mitmenschen bewirkt. Es gibt unter anderem auch Gründe, warum ich meinen YouTube Channel bereits schon 2012 stillgelegt habe. Linus’ Weg vom ersten Coming Out 2017 bis zu seinen jetzigen täglichen immer Wiederkehrenden, ist einerseits tragisch und andererseits freut es mich als Leserin, dass Linus sich in seiner Rolle mittlerweile findet … dass Linus eine “bubble” hat, die ihm helfen, wenn er Schutz und Unterstützung braucht. Jeder braucht so eine “bubble” vor allem in Zeiten der Pandemie. In Zeiten von Physical Distancing. (Ich mag den Begriff social distancing nicht. Ich möchte nicht social distance üben. Ich mag es nur physically in Zeiten der Pandemie, dass man nicht aufeinander hockt.)

Nun, muss man dieses Buch im Endeffekt lesen? Ich kann dies für Dich nicht entscheiden. Wenn man Linus moralisch unterstützen mag, wenn man Linus als trans Mitmenschen besser verstehen mag, wenn man über die Probleme bei einer Transition etwas wissen möchte (aber nur die Sicht von Linus erfährt) … dann kann ich dies durchaus empfehlen. Ich finde das Buch auch bedrückend aufklärungsreich, wie die Automatismen von Hass im Netz und von Hass gegenüber öffentlichen Persönlichkeiten sind. Es ist sehr spooky und möglicherweise vielleicht nicht Lektüre für alle Mitmenschen.

Ich hoffe, dass ich Linus irgendwann noch mal mit “keiner Tasse Pfefferminztee” analog sprechen kann und direkt ins Gesicht sagen kann: Du bist ein wertvoller trans Mann. Und ganz nebenher aber hauptsächlich über Literatur schwatzen.

Alcina – konzertanter Barock [Alleetheater Hamburg]

Nachdem ich “Carmen” zum zweiten Mal geschaut hatte, wurde ich gefragt, ob ich denn auch zu „Alcina“ mit Freunden kommen würde. Ich sagte: “Ich will erst mal schauen, ob das was taugt.”
Liebe Leser meines Blogs … ALCINA … taugt was.

Svenja Schicktanz Foto: Dr. Joachim Flügel

“Alcina” ist eine bezaubernde Oper von dem Herrn Georg Friedrich Händel. Wir befinden uns auf einer Insel, die von der Zauberin Alcina beherrscht wird, die Männer verzaubert, sodass sie von ihr reihenweise in den Bann gezogen werden. Sobald Alcina sich ihrer überdrüssig wird, verwandelt sie die Herren ihrer Schöpfung in Bäume oder wilde Tiere. Aktueller Liebhaber ist Ruggiero. Ein ehemaliger heldenhafter Krieger, der aber nur Herzchen in den Augen hat für Alcina, die ihn verzaubert hat. Ruggieros eigentliche Geliebte, kommt verkleidet als Mann auf die Insel, um Ruggiero zurück zu erobern. Dies ist Bradamante. Bradamante begegnet auf der Insel als erstes Morgana, der kleinen Schwester von Alcina, die Schock schwere Not sich sofort in Bradamante verknallt. Oronte, der allerdings in Morgana verliebt ist, findet das alles nicht ganz so witzig. Um diesem unendlichen Liebeswirrwarr Abhilfe leisten zu können, wird die gute Zauberkraft des “guten” Zauberers Melissa benötigt. Dieser übergibt Ruggiero einen Ring, der seine Sinne etwas klarer werden lässt und der Held wird mit Bradamante versuchen von der Insel zu flüchten. Viel Drama, viel Gefühle und am Ende ist ein Charakter tot. Wie sich das für eine richtige Oper gehört.

Ich habe bereits schon einmal ähnlichen Stoff auf der Bühne des Alleetheaters gesehen. Es war Vivaldis “Orlando furioso”, welche als Vorlage für Händel unter anderem diente. Diese Oper habe ich damals als echte “Barockbonbonoper” bezeichnet. Fetter und bunter ging es nicht das Barock und die zauberhafte Geschichte auf die kleine Bühne zu stellen. “Alcina” in der Covid19 tauglichen konzertanten Variante ist klar und eindeutig auf die essentiellen Arien reduziert. Die Rezitative (die nur aufhalten), werden vom Erzähler (Lutz Hoffmann) erzählt und er erklärt auch, was in den Arien auf italienisch gesungen wird. Dadurch wird die Oper kurz und knackig und humorvoll zusammengestutzt. Das Bühnenkonzept ist toll. Es singt eine Sänger*in im Kostüm und dazu gibt es entweder ein klares Licht oder mithilfe einer Leinwand, ein Bild projeziert, was für die Arie als Verortung der Szene dient. Als Requisiten gibt es im ganzen Stück nur 3 Dinge … ein Buch von Melisso gehalten, den Zauberring und einen Weinkelch. Die beste Requisiten dieser Oper sind die Stimmen der Sänger*innen.

Joël Vuik Foto: Dr. Joachim Flügel

Alcina – Svenja Schicktanz (Sopran)
Ruggiero – Joël Vuik (Countertenor) / alternierend mit Meili Li
Morgana – Anne Elizabeth Sorbara (Sopran) / alternierend mit Natascha Dwulecki
Bradamante – Feline Knabe (Mezzosopran)
Oronte – Robert Elibay-Hartog (Bariton)
Melisso – Titus Witt (Bariton)

Die Sänger*innen, die ich in der Aufführung gesehen und gehört habe, sind alle erstgenannten bei den Charakteren. Sie waren unglaublich ausdrucksstark, mit vollem Volumen und so sehr auch konzertante Aufführungen in der Darstellung der Figuren einschränken können, haben sie schauspielerisch alles herausgeholt, was man herausholen konnte. Mir gefiel es sehr, dass man einfach nur den Arien folgen konnte und beim Augenschließen und dem nicht Italienisch verstehen, trotz allem sämtliches Gefühlschaos der Figuren abnehmen konnte. Und wenn man doch die Augen öffnete, den Witz in den Charakteren sehen. Es macht Spaß so etwas erleben zu dürfen. Immer gern wieder, am liebsten mehrmals in der Woche, aber das geht nicht. Irgendwie möchte ich als Kulturliebhaberin auch die Musik schätzen. Wenn ich es noch einmal sehen möchte, dann gern in der anderen Besetzung noch einmal. Ich muss gestehen, ich bin schon immer Baritonfan gewesen, aber der Countertenor Joël Vuik ist für mich mein Highlight. Ach herrje…

Wer Alcina live erleben möchte, kann dies gern tun Tickets gibt es beim Alleetheater direkt und wer über das Hygienekonzept noch mal etwas wissen möchte, wie ich es empfand, kann dies gern in meinem letzten Blogeintrag zu Carmen nachlesen.

Carmen in Zeiten der Corona Pandemie [Alleetheater Hamburg]

Halten wir ein paar Dinge fest, die ich in meiner Meinung nicht umstoßen kann. Die galten vor der Pandemie und die gelten auch jetzt noch.

  1. Live ist es immer besser Künstler kennen zu lernen und zu erleben. Es ist immer besser dann, deren Qualitäten im Spiel und im Interagieren mit den Kollegen zu sehen. IMMER. PUNKT. AUS. BASTA.
  2. Ich habe durch Konzerte mehr die Chance neue Künstler kennen zu lernen und meinen musikalischen Horizont zu erweitern als von Musik auf Scheibe.
  3. Ich habe mit dem Phänomen Großveranstaltungen zu mögen bereits in meinen frühen Teenagerjahren aufgehört. Rock am Ring und das ein oder andere Stadionrockkonzert einer Jugendsünde haben da gereicht. Ich brauche das nicht. Das waren mir damals schon zu viele Menschen auf einem Fleck. Intimere Stimmung und interessantere Setlists gibt es im Club. Da probieren sich Künstler aus. Oder eben auch in der Kammeroper, wo man liebevoller und gewagter in den Inszenierungen gegen den Strich bürstet.
Feline Knabe & Ljuban Živanović (Foto: Dr. Joachim Flügel)

“Carmen” ist die erste neue Inszenierung des Alleetheaters in der Erwachsenensparte der Saison 2020/2021. Das bekannte Stück musste Corona-konform zurecht gestutzt werden. Das heißt kleines Ensemble auf der Bühne und im Orchester Mosh Pit. Dazu wurden in dem kleinen Haus die Stuhlreihen ausgedünnt und man wird als Gast auf die Plätze nach Plan verwiesen. Also beim Kauf eines Tickets, bekommt man eine Zusage für die Preiskategorie und dann wird hygienegerecht Tetris auf den Stuhlreihen gespielt. Das klingt komisch, ist aber so und das ist auch sehr gut gelöst. Zudem wird im Publikumsraum ordentlich frische Luft durchgewälzt und auch wenn ich kurzzeitig bei der B-Premiere einen Panikanfall hatte mit kaltem Schweiß auf der Stirn und ich für 4 Arien den Raum verlassen musste, ist das alles sehr überzeugend vorbereitet und organisiert. Es gibt nur so viele Tickets zum Verkauf, wie in der Pause Menschen Platz haben sich an die zugewiesenen Tische sich hinzusetzen. Man wird am Platz aufmerksam und zügig bedient.

Worum geht es in der modernen Inszenierung von Carmen?! Wir befinden uns im Sevilla 2020 unter Coronabedingungen. Carmen ist eine Bitch, die Männer verwirrt. Yussef versucht sein Geschäft mit Würde am Leben zu halten und er hatte sich in Carmen verguckt, die ist aber mittlerweile an einem anderen Mann interessiert und gelangweilt von Yussef, der zudem auch noch eine andere Dame Micaela heiraten soll nach Mutters Wunsch … und dann ist da auch noch Escamillo, der Typ, der mit Carmen krumme Geschäfte macht. Und am Ende ist einer tot. Wie es halt so in einer guten Oper so passiert. Es ist eine sehr moderne Inszenierung. Die Story spielt in Sevilla mit Yussef als Souvenirshopbesitzer. Carmen und Escamillo kommen als überhebliche Weiße daher. Micaela und Yussef haben Migrationshintergrund. Die Menschen tragen Masken auf der Bühne. Alle Personen im Stück sind alle ein bisschen außer Kontrolle. Der Pandemie, der aktuellen soziopolitischen Situationen geschuldet?! Es ist ein absolut überzeugender Frontalhieb auf die jetzige Weltlage.

Titus Witt & Ljuban Živanović (Foto: Dr. Joachim Flügel)


Die Solisten sind allesamt fantastisch. Ich bin immer wieder überrascht, welche Goldkehlchen da auf der Bühne stehen und wie ausdrucksstark auf der Bühne auch schauspielerisch agiert wird. Die kleine Bühne wird so groß ausgefüllt, dass es ein absoluter Spaß ist, dem zu folgen. Wer kann, sollte sich unbedingt in das Theater begeben. Für diesen Sonntag soll es auch noch Karten geben.

Kultur tut Not. Und der kritische Blick auf die heutige Zeit ebenso wie auch gute Musik. Ach ja … Musik. Der Orchestergraben ist in nicht Pandemiezeiten mit bis zu 8 Musikern gefüllt. Aufgrund von Covid19 können da nur 3 sitzen und ein Dirigent agieren. Der Rest der Musik kommt vom vorproduzierten Tape. Das ist auch mal was Neues für das Alleethater und funktioniert fantastisch.
Bizets Musik ist catchy und ohrwurmtauglich. Das Arrangement für die Alleetheaterinszenierung ist wie gewohnt aufs Wesentliche und Prägnante sehr pointiert von Ettore Prandi zusammengezaubert. Die Regie hat Alfonso Romero Mora gemacht und bisher habe ich all seine Arbeiten gefeiert. Bühne und Kostüme sind von Lisa Überbacher.

Mehr Infos zum Alleetheater und zu den Tickets für Carmen & mehr Stücken des Hauses.

Der Schatz der Black Swan & Twists of Fate [Paco Roca]

Das ich zwei Bücher eines Autors kurz hintereinander lese, passiert eher selten, aber es kam gerade zufällig zu Stande. Zum Einen hatte ich “Twists of Fate” mir ausgesucht aus dem okComics Carepaket und zum anderen lachte mich “Der Schatz der Black Swan” im Buchladen des Vertrauens in Eppendorf an. Da war ein Schiff auf dem Cover. Hey, das triggert. Ich habe nicht geschaut, worum es da ging. Ich hab es einfach gekauft. Nun denn.

Paco Roca habe ich bereits mit “Kopf in den Wolken” und “La Casa” kennengelernt. Wobei ich “Kopf in den Wolken” bereits schon wieder aussortiert habe. “La Casa” beschäftigt sich mit einer Familie, die ein Erbe – ein Haus, um genauer zu sein, entrümpelt nach dem Tod des Familienvaters. Dabei kommen sich die Geschwister wieder näher und finden sehr viel Gutes am Haus und wollen es am Ende (Spoiler!!!) doch nicht verkaufen. Paco Roca hat in diesem Buch sehr viel Liebe, Respekt vor der Familie an sich, den Erinnerungen und dem Zuhause zwischen zwei Buchdeckel gepackt und was mir besonders gefiel, warum ich wieder zu Paco Roca griff, ist sein Illustrationsstil und die unaufgeregte Erzählweise.

“Der Schatz der Black Swan” – Dieses Buch wurde zusammen mit Guillermo Corral geschrieben. Corral ist Diplomat und Schriftsteller. Die Graphic Novel basiert auf ein Ereignis, was tatsächlich stattfand. Im Buch hat 2007 das amerikanische Schatzsucherunternehmen Ithaca die 1804 gesunkene spanische Fregatte Merced in der Straße von Gibraltar gefunden und geplündert. Spanien erfährt darüber und das Kultusministerium, zusammen mit Wissenschaftlern versuchen den Schatz nach Spanien zurückzuführen und damit auch gleich die Würde des Ortes, wo das Schiff gesunken ist mit Zivilisten wieder zu geben. In dem Buch entwickelt sich nicht nur ein politisches Drama mit Fallstricken, wer mit wem in diesem Fall verwickelt ist. Geheimdienst und dubiose Geldgeber auf beiden Seiten USA wie auch Spanien, sind darin verwickelt. Die Wissenschaftler auf spanischer Seite sind bei dieser die moralisch Guten. Da ist zum Einen Elsa vom spanischen Amt zum Schutz des Unterwassererbes und zum anderen der junge Diplomat Alexa Ventura. Um die beiden Charaktere entspinnt sich in der Novel auch so eine Art freundschaftliche Beziehung, die in Kitsch hätte abdriften können, es aber zum Glück nicht tat. Ich interessiere mich sehr wohl für solche Geschichten, aber über die Merced habe ich nichts mitbekommen. Vielleicht war ich 2007-2009 noch mit anderen Dingen in meinem Leben beschäftigt. Corral und Roca konnten die moralische Jagd nach dem Schatz überzeugend erzählen. Die großen und zum Teil düsteren Panels von Roca, wenn sie nicht in irgendwelchen Büros spielten, waren passend und der Story sehr angemessen. Ich rauschte beim Lesen komplett durch. Mich würde es interessieren, ob der Schatz nun komplett hinter Schloss und Riegel in der spanischen Staatsbank ist oder ob man einen klitzekleinen Teil davon in irgendeinem Maritimen Museum sich anschauen kann. Für Geschichte, Schifffahrt, politischer Thrill und Graphic Novel Fans, sei dieses Buch empfohlen. (ISBN: 978 3956 401947, Reprodukt Verlag)

“Twists of Fate” – ist ein Buch im Stil einer Reportage mit Rechergeinterview und Rückblenden. Paco Roca begibt sich auf die Suche nach Miguel Cruz – einen 94 Jahre alten Mann, der in Frankreich lebt und der einer der wenigen noch lebenden Spanier ist, die im zweiten Weltkrieg gegen die Nazis und vorher schon gegen Franco gekämpft hat. Roca findet den Mann, der erst gar kein Interview geben wollte und schafft es mit seiner sehr sensiblen Art immer mehr Informationen über Miguels Lebensweg in von 1939 – 1944 zu erfahren. Es gibt sicher viele Geschichten über den zweiten Weltkrieg und auch davon eine Menge Heldenstories, aber Miguel empfindet sich nicht als Held. Er war, wie es das Schicksal wollte, nach Haft, Kämpfen in Afrika für die Französische Armee irgendwann in der Einheit von Leclerc, die Paris befreite. Es gab einige loyale Spanier, die in den Truppen der Resistance kämpften, um die Nazis zu bekämpfen. Miguel war allerdings einer, der auch Spanien von Franco befreien wollte, deswegen desertierte er kurz der Befreiung von Paris und tauchte unter.

Paco Roca “Twists of Fate” ISBN: 978 1683 9612 5353 999, Fantagraphics Books


Paco Roca hat Miguels Weg mit den Schrecken des Krieges und den Altersgebrechen liebevoll und mit genug Abstand in den Panels darstellen können. Miguels Person wird dem Leser sehr nah. Man versteht seine Zurückhaltung sehr und man versteht auch, warum er um seine Person keine große Sache machte, denn sein größtes Ziel hatte er nicht erreichen können. Franco zu besiegen. Miguel hat auch resigniert an der Tatsache, dass die Spanier, die gegen Franco waren und für die Alliierten im 2. Weltkrieg kämpften, nach dem Sieg, keine Heimat gab. Für Spanien interessierte sich die Weltpolitik nicht nach dem Weltkriegsende. Es sollte sich selbst befreien. Das ist bitter für die Menschen, die gekämpft haben. Sie verloren alles, ihre Heimat, ihre Würde, ihre Familie und die Anerkennung bekamen sie auch nicht, obwohl sie für das Ende des Krieges mit Herz kämpften. Den Teil der Geschichte kannte ich so nicht. Ich wusste nur, dass das Kapitel Spanien für mich in meinem Geschichtewissen ein schwarzer unbekannter Fleck war. Ich hatte zwar über den Spanischen Bürgerkrieg gewusst und auch über die Diktatur, aber wie es den Exilspaniern genau erging, damit hatte ich nie einen Zugang. Mit diesem Buch wird zumindest ein kleiner Teil der Geschichte erklärt. Auch mit kleinen Grafiken am Anfang der Graphic Novel.

Ich werde vermutlich bei dem nächsten Buch, welches ich noch nicht kenne von Paco Roca erneut ohne nachdenken zu müssen zugreifen. Ich mache nichts falsch.

Schockraum [Tobias Schlegl]

Hand aufs Herz … wann wart ihr das letzte Mal im Schockraum? Wenn ich es je einmal gewesen bin, dann vermutlich damals 1984 in Berlin Buch, als ich im Badesee abgesoffen bin und ich reanimiert werden musste. Und das hat lange gedauert. Ich bin quasi auf Überholspur oder anders gesagt in Verlängerung. Als ich von einem Wartburg 1985 angefahren wurde und ich mir mein Schlüsselbein gebrochen hatte und der rechte Fuß matsch war, kann es auch auch gut sein, dass ich einen “Schockraum” gesehen habe, ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern. Ich kann mich an den Unfallort erinnern, aber nicht mehr, was im Krankenhaus und was auf dem Weg dahin geschah, passierte. Egal. Die Arbeit von Rettungssanitätern und Notfallsanitätern habe ich aber trotz alledem schon unfreiwillig öfter in Anspruch genommen. Ich bin sehr dankbar für deren Arbeit. Sie helfen mir als Privatperson und auch bei meiner Arbeit (aktuell ambulante Pflege) ungemein. Ich würde deren Kompetenz aber nicht unnötig überstrapazieren, wenn es nicht andere Möglichkeiten für Hilfe geben würde, als da wären, der eigene Hausarzt und oder der kassenärztliche Notdienst. Alles in allem kann ich jedoch sagen, dass eine Intervention, sei es privat oder auf Arbeit ohne Rettungsdienst und ohne Arzt, die hilft, immer die beste und für alle Beteiligten Beste ist.

Schockraum habe ich zur Hand genommen, als Tobias Schlegl den tweet absetzte und berichtete, dass er Jens Spahn das Buch mit Brief nach Berlin schicke. Ich dachte mir, super, der Jens bekommt es für lau und ich muss mir das gute Stück kaufen. Tolle Wurst! Ich wollte es trotz alledem lesen. Sofort. Deswegen habe ich mit Schockraum mir das erste eBook meines Lebens gekauft und ich habe es an meinem freien Tag in der letzten Woche in einem Rutsch durchgelesen. Heute habe ich mir das Hardcover ebenso noch gekauft, weil ich das Buch besitzen wollte. Analog ist eben doch besser.

Über das Buch: In “Schockraum” begegnen wir Kim, frisch gebackener Notfallsanitäter, der eine, zu Beginn des Buches, sich zusammen fallende Beziehung zu Marie pflegt. Kim ist in seiner Arbeit gefangen, er opfert sich auf, er scheitert an seinen eigenen hohen Ansprüchen bezüglich seines eigenen Berufes und er arbeitet viel. Der Job reibt Kim auf. Den inneren Halt findet er mit der Hilfe seines Teampartners Benny, der in der selben Ausbildungsklasse wie er war, aber für einen anderen Rettungsdienst arbeitet. Kim und Benny treffen sich regelmäßig und sprechen da sehr oft über ihre Arbeit und was sie in ihrem Privatleben so macht. Benny holt Kim aus seinem Alltagstrott eines Tages raus, nach dem er einen heftigen Einsatz hatte und erst mal wieder runterkommen muss und Marie das Weite gesucht hat. Bei dem Alltagsausbruch hat Kim eine schicksalhafte Begegnung mit Luzi.

Über den Autoren: Tobias Schlegl hat mal ne Weile viel mit TV gemacht und mit Musik … als das damals noch was war im TV. Später hat er aber auch bei extra3 im Öffentlich Rechtlichen gearbeitet und 2016 wollte er dann was Vernünftiges lernen … und wurde Notfallsanitäter … was mit Medien macht der 1977 geborene immer noch, aber eben auch den gemeinnützigen Notfallsanitäter.

Meine 10 Cents: Ich mag generell Bücher, die leichte Spuren von autobiografischen Anteilen haben. Also, einen Roman über einen Notfallsanitäter nehme ich einem Notfallsanitäter eher ab als eine Story über einen Landschaftsarchitekten, die von einem Notfallsanitäter geschrieben wurde. Das ist schon mal Fakt.

Den Protagonisten Kim und seine gefühlten Unzulänglichkeiten im Job, seine Unfähigkeit die Beziehung zu Marie knusprig zu halten. Ach wie lobe ich mir in diesem Fall meine Wochenendbeziehung und in Covid19 Zeiten die eigene Wohnung … die Beziehung zu meinem Partner hätte es sonst keinesfalls 7 Jahre überlebt. Es ist gar nicht so einfach nach Hause von der Arbeit zu kommen und einfach nur so “Highlife” zu machen, mehr als zu funktionieren. Ich bin beispielsweise in meiner Arbeit als Pflegekraft (bis August 2017 in stationären Einrichtungen und seit dann in ambulanter Pflege) richtig heftig drauf, meinen Ort ordentlich und sauber zu verlassen. zu Hause in meinem eigenen Loch, kann und will ich nur spiegelputzsüchtig sein. Ich habe keine Kraft dafür. Wenn ich dann jemanden an der Seite hätte, der sich wegen Putzsachen aufregen würde, wäre schnell Schluss. Ich kann auch nicht immer sozial und empathisch im Privaten daher kommen. Ich bin das die ganze Zeit auf Arbeit (so gut es geht) und zu Hause reicht die Empathie, wenn ich gut bin, gerade noch für mich. Ich weiß, wie es sich anfühlt ausgelaugt zu sein, einfach alles hinschmeißen zu wollen wie der Protagonist Kim. Er hat seinen besten Kumpel Benny an der Seite, den er regelmäßig trifft. Zum Debriefen, das würde Mr T jetzt sagen. Mr T debrieft mich seit 7 Jahren. Am Anfang der Beziehung hat er mich gefühlt täglich anderthalb Stunden lang am Telefon gehabt und hat Horrorgeschichten aus dem Altenheim gehört, heute hört er nur noch Highlights. Ich will ihm das nicht mehr antun. Er kann es immer so schön zusammenfassen: “Woanders ist auch Scheiße.”

Als ich “Schockraum” las, sagte ich auch sehr oft: “Oh Mann… woanders ist auch Scheiße!”. Ich erinnere mich an eine Geschichte von damals zirka 6 Jahre muss das her sein, als ich noch stationär arbeitete. Da musste ich in einem Frühdienst 2x den RTW rufen. Das erste Mal stellte sich der Notfall als ein Fieberkrampf wegen einer Urosepsis dar. Das zweite Mal waren es die selben Symptome, da war es ein Schlaganfall. Jedesmal waren es die selben Sanitäter. Ich kam mir echt blöd vor, weil es in meiner Schicht, in der selben Etage, im selben Doppelzimmer war. Aber ich musste, es ging nicht anders. Ich habe immer lieber den KV Arzt 116117 gerufen und mir war jeder Anruf bei 112 zu blöd. Ich wollte die Nummer nicht missbrauchen und ich werde es auch nie tun.

Was mir sehr gut gefallen hat an diesem Roman. Er menschelt so richtig schön. Es ist keine superschwierige Sprache. Der Schreibstil ist fluffig. Kim wird einem sympathisch, wenn man es zulassen möchte. Wenn man Herz hat, dann versteht man auch seine Probleme im Job. Man kann seine Ängste und seine Belastungen nachvollziehen. Wenn man dieses Buch liest, wünscht man sich auf der Stelle so einen Teampartner wie Benny. Der einfach da ist, wenn man ihn braucht. Der dann mal einfach so einen Roadtrip zum Abschalten mit einem macht. Übrigens meine Strategien zum Abschalten waren bis vor Covid19 immer Konzerte gewesen … ich habe von einem Konzert bis zum nächsten Konzert gearbeitet. Das fehlt mir total für mein inneres Gleichgewicht. Egal, “Schockraum” tut mir auch gut, für mein inneres Gleichgewicht. Es sagt mir, dass es nicht nur mir in der Pflege so geht, dass man sich aufopfert und man das Gefühl hat, man ist 24/7 überfordert. Mit sich, dem Leben und der Arbeit. Ohne Spoilern zu wollen, Kims Weg aus dem Schockraum ist ein guter, weil er ihn konsequent und mit einem Ziel an der Seite macht. Der Weg ist nicht, weil er den Job als Notfallsanitäter nicht mehr mag. Kim ist bis zur letzten Zeile im Buch loyal gegenüber dem Beruf als Notfallsanitäter. Das tut gut. Ich glaube, wenn ich jemals einen Pflexit machen sollte, dann gehe ich auch nicht, weil ich Pflege hasse, sondern weil ich das System Pflege nicht mehr aushalten kann. Weil es einen menschlich an die Grenzen des Machbaren bringt.

Ich hatte zwei drei Stellen im Buch, wo ich echt Tränen in den Augen hatte. Da hatten mich manche Fälle von Kim echt berührt und mir fielen sofort wieder Geschichten aus meiner Arbeit ein. Aber ich habe es, mit mittlerweile auch schon 16 Jahren in der Pflege, mir abgewöhnt länger als nötig mich damit zu beschäftigen. Das würde mich kaputt machen. Schneller als es mir lieb wäre.

Ich kann jedem empfehlen “Schockraum” zu lesen. Diejenigen, die in der Pflege, im Medizinischen Bereich arbeiten, werde sich über Kims und Bennys Situationen bestätigt fühlen und können “Woanders ist auch scheiße” aus voller Kehle brüllen. Und all die anderen Menschen, die nicht in dem Bereich arbeiten, könnten uns gern mehr als das Klatschen am Fenster, Lavendelsträuße und eklige Mon Cheri Packungen schenken. Es wäre echt mal Zeit dafür.

P.S.2: Und können wir noch mal über die “Blurb” auf dem Buchdeckel sprechen?! Warum erzählt da der Herr v. Hirschhausen von den Hilfskräften auf dem Rettungswagen. Da sitzen keine Hilfskräfte! Das sind 3 Jahre lang ausgebildete examinierte Fachkräfte! Genug aufgeregt.

P.S.: Und weil aktuell die “Woche der Wiederbelebung” ist, wann war Euer letzter Erste Hilfe Kurs?! Ich habe meinen im August erneuert. Und was Übrigens auch ungemein hilft den Notfallsanitätern und dem Notarzt … falls man Medikamente zu sich nimmt, nen aktuellen Medikamentenplan bei sich mit zu führen. Manchmal ist man nämlich nicht ganz so fit, das alles aufzuzählen, was man so zu sich nimmt. In meinem Falle ist die Liste etwas länger und mit nicht ganz so alltäglichen Medikamenten.

“Schockraum” ist beim Piper Verlag am 31.08.2020 erschienen. ISBN: 9783492070195

Snapdragon [Kat Leyh]

Dieses Buch ist ein weiteres Buch aus meinem okComics Carepaket aus dem letzten Monat. Ich habe mich für dieses Buch interessiert, weil es um ein Mädchen geht, was anders ist und mit Residenz und Mut, neue Freunde und Wissen gewinnt. Starke Mädchen braucht die Welt. Vor allem solche, die sich gegen blanke Vorurteile, Konventionen und schnöde “das war schon immer so, benimm Dich und passe Dich der Mehrheit an” Attitüden mit aller Kraft wehren. Und wozu ZURECHT?

Über das Buch: Snapdragon lebt in einer Kleinstadt. Sie hat als “Freund” den Hund des ehemaligen Freundes ihrer Mutter, den die Mutter wegen häuslicher Gewalt der Wohnung verwiesen hat. Snapdragon hat ebenso noch Lulu als Freund. In der “weißen” Welt haben es die Beiden nicht leicht. Desweiteren hat Snap, wie sie von ihrer Mutter gerufen wird, großes Interesse in Abenteuer und sie will wissen, was es mit der Person auf sich hat, die in der Kleinstadt nur als “The Witch” bezeichnet wird. Es ist eine mysteriöse Person, die in langen schwarzen Gewändern herumläuft, eine Augenbinde trägt und allein außerhalb der Stadt lebt. Man spricht von “the Witch” nur, dass sie Tiere frisst und gruselige Sachen macht. Snap überwindet die Vorurteile und begibt sich auf die Konfrontation mit The Witch. Dabei lernt sie einiges Wichtiges fürs Leben. Traue niemals dem ersten Eindruck. Höre niemals auf Vorurteile anderer. Lass Dich nicht von Deinen Träumen und Wünschen abbringen. Kämpfe dafür. Schätze das Leben, jenseits der Menschen und glaube auch an Deine innersten Werte und Kräfte (Magie).

“Witches don’t fit into the roles we’re supposed to. So, we are always on the outside.”

page 122 (Kat Leyh “Snapdragon”, firstsecondbooks)

Über die Autorin: Kat Leyh ist aus Chicago. Sie schreibt und illustriert. Sie hat an den Lumberjanes als Co Autorin mit gearbeitet. Mehr Infos auf ihrer Homepage.

Meine 10 Cents: Ich habe diese Graphic Novel sehr gemocht. Ich habe Snapdragon absolut und gern auf ihrem Weg folgen wollen. Ich mag starke Persönlichkeiten, wenn sie an sich selbst auch zweifeln. Persönlichkeiten, die sich Konventionen entgegenstellen. Persönlichkeiten, die an ihren geeky Freuden festhalten und Menschen kennenlernen möchten, die ebenso wie sie selbst marginalisiert werden. Persönlichkeiten, die mit ihrem sturem Ego Freundschaften zusammenschweißen können und für ihre Werte kämpfen. (Und wenn dies mit Magie geschieht, dann ist es eben Teil eines Comics …).
Snapdragon ist wunderbar portraitiert. Eine selbstbewusste junge Frau, die manchmal etwas grimmig kuckt, aber so schaue ich auch, wenn ich meinen Willen durchsetzen möchte. Snap hat ein Gespür für Natur, Liebe, Wertschätzung, den Wert einer Freundschaft und dies vermittelt dieses Buch total und hat mir die ein oder andere Träne ins Gesicht gezaubert. Ich find das Buch so gut, dass ich es zwei Mal las und ich die Panels immer mal wieder anschauen mag.

Das Buch ist 2020 bei firstsecondbooks erschienen. ISBN 9781250171115 und ich hab es beim Indie gekauft.

KOMPROMAT [I LIKE TRAINS]

Sie haben es getan! Jawohl! Nach 8 Jahren … endlich wieder ein neues Album. I like trains – meine heiß und innig geliebte Haus- und Hofkapelle aus Leeds, die vormals bekannt waren für wundervolle Moritaten im Postrockgewand (wo am Ende gefühlt 219 Leute stilvoll dem Leben abhanden kamen), sind mit einer Menge neuer Ideen und einer Menge aufgestauter politischer & gesellschaftskritischer Unzufriedenheit ins Studio gegangen. Heraus gekommen dabei ist “Kompromat”. Ein Album mit 9 Songs knapp 45 Minuten Spielzeit, die richtig auf Krawall gebürstet sind. Es ist eher Punk als Rock, was nach dem Post kommt. Mr T meinte, dass der Sprechgesang von Dave Martin ihn an Lou Reed erinnern würde. Die reudigen schrägen Gitarrentöne tun ihr Übriges.

  • A Steady Hand – ist ein scheinbar abgehacktes Monstrum, was sich um eine sehr von sich eingenommene Person dreht, die im Mittelpunkt steht. Eine Überheblichkeit, die sich in den Wiederholungen verstärkt. Dazu noch die Worte “take a long hard look at yourself in the mirror / and tell me the first thing / that comes into your head / I am the President / I am the president / I am the president / I am the overfed bigoted” … wer den Bezug zu einer real existierenden Person nicht versteht, den kann ich dann nicht verstehen.
  • Desire is a Mess – knallt in genau die selbe Kerbe, ein Individuum, was sich ins Rampenlicht stellt und von Selbstüberschätzung alles klein macht. Das Staccattogewitter geht weiter und die kleinen kurzen Wortfetzen machen die Übersteuerung in den Worten noch härter / unerträglicher für das Wohlbefinden. Aber es passt unmissverständlich.
  • Dig In – startet mit zwei Riffs, die einem sofort an Joy Division und auch The Knack erinnern. In Dig In geht es irgendwie um das Planen von Dingen und das Timing manches Mal doch das Wichtigste ist. Wir als Plebejer können aber gar nichts machen, wenn politische Entscheidungen gemacht werden. Wir sind Spielball der Geschichte und nun ja, schön wäre es, dann tief in sich zu gehen und zu resümieren, ob man Entscheidungen, die man mal getroffen hatte (Beispiel in einer demokratischen Wahl), immer die Richtigen waren. Das Timing für solche Entscheidungen ist eben alles. Wir sind dann abhängig von den Entscheidungen. Wir hängen am Seil und sinken gemeinsam ins Schlamassel … sehr optimistisches Stück Musik.
  • PRISM – ist mein Lieblingsstück auf dem Album. Es ist ein kleines musikalisches Juwel. Spätestens an der Stelle des Albums weiß man, dass I LIKE TRAINS eben doch immer noch die selben I LIKE TRAINS sind, wie man sie vorher schon kannte. Aber hier merkt man, dass sie gar nicht sooo viel geändert haben an der Musik. Der Gesang ist etwas härter geworden und der emsig stetig Layer über Layer aufgebaute Gitarrenteppich ist ein bisschen nach hinten gerückt. Der Gesang und die Lyrics stehen bei KOMPROMAT im Vordergrund. Ab PRISM rücken die Gitarren mit teils schrägen Untertönen, die ich sehr mag in den Fokus. PRISM ist einfach nur superschön. “My heart is strong and hell will freeze / before you hear a word from me / before you hear a word.” Das Lied gibt Hoffnung und Lebensmut in jedwede Richtung.
  • Patience Is A Virtue – Allein für den Gitarrenquietscher am Ende des Songs liebe ich das Stück. Das ist richtig gegen den Strich gebürstet. Merci. Ach ja, danke für diese Frage: “How can I concentrate with all this noise?” … also ich beantworte mal für mich: “Natürlich gar nicht. Ich kann mich in heutigen Zeiten ganz schlecht konzentrieren. Es ist ganz arg schrecklich. Ich bin schlapp von allem. Der politischen Lage, dem Dauerzustand emotionaler Erschöpfung, die scheinbar ein gesellschaftliches Problem dieser Tage ist.
  • A Man of Conviction – Dieses Lied ist so eine Art Demutsbekundung. Pass auf, ich bin jetzt hier, ich hab es gesehen, dass die Situation in der wir uns befinden, auf uns zu kam, aber ich kann halt daran nichts ändern. Damit muss man erst mal klarkommen. Aber Demut auf solch poetisch musikalisch stimmige Art zu hören, ist umwerfend.
  • New Geography – Das Lied ist noch melodiöser als das Stück davor und schlägt noch weiter in diese Demut / Stillstandskerbe rein. Das ist ganz schön (im wahrsten Sinne des Wortes) frustrierend.
  • The Truth – Das Lied befasst sich mit der Wahrheit und der Wahrheitsfindung. Mit der Definition von Wahrheit. “The Truth is ready when you are.” In Wahrheit und Truth lässt die lange Auflistung in dem vom Anfang des Album wiederkehrenden Staccato im Gesang unangenehme und unzufriedene Stimmung wieder aufleben. Man kann eben nicht in Demut und Stagnation leben. Das bringt einen auch nicht weiter. Ich mag den nebenher Basssound, der das Lied bestimmt, sehr.
  • Eyes to the left (feat. Anika) – Dieser Song ist das Resümee des Albums. Die Erkenntnis, man wird mit modernen Medien überwacht, man hat mit eigenen Entscheidungen und sei es Fehlentscheidungen inkompetenten Menschen zu Machtpositionen verholfen. Es ist keine Zeit sich in Gram zu suhlen, denn das ändert nichts. Aber dieser Song, der mit “alarmähnelnden Keyboardsounds” beginnt, wird in der Mitte von der Bass / Gitarrenwand überrumpelt und einem wird die Frage übergebraten, ob man sich mit all den News ernsthaft auseinandergesetzt hat oder nicht. Tue was oder bleib da, wo Du jetzt stehst. Hoffnungslos in einem komischen Machtgefüge, was sich um Wahrheit und Lüge, Selbstüberschätzung, Populismus und Co. sich dreht.

Das Album ist echt harter Tobak, textlich. Es erschließt sich nicht beim ersten Mal. Da ist man von dem Sound überrumpelt und man denkt sich: Oh weia, da hatte aber jemand so richtig schlechte Laune. Vor allem wenn man Artist und Repertoire aus dem Backkatalog kennt (und liebt). Je öfter man das Album hört, findet man immer weniger Kanten. Meine Interpretationen mögen höchstwahrscheinlich viel zu weit gehen, aber das ist mir vollkommen egal. Es sind ja meine Interpretationen. Die Songtexte lassen zu vielen Interpretationen und Deutungen massig Spielraum. Eins ist klar, dass Unzufriedenheit herrscht und dass diese Unzufriedenheit unbedingt vertont werden musste. Ich war sehr glücklich, die Gitarrenwand immer noch hören zu können und ich hätte sehr große Lust dieses Album im Ganzen irgendwann mal nach der Pandemie live zu sehen. Aber The Truth is: “Das kann noch etwas dauern.” Ebenso die Veröffentlichung der analogen Tonträger, denn die können erst Ende September verschickt werden. Die Produktion dessen hat sich dank Pandemie verzögert.

Nichts desto trotz über Bandcamp kann man sich das Album schon digital käuflich erwerben.

Partikel [Berit Glanz]

Ich liebe Gedichte, Lyrik, poetische Texte und das Meer. Das ist kein Geheimnis. Auch nicht auf meinem eigenen Blog. Ebenso ist es kein Geheimnis, dass ich mich oft ganz schwer tue mit arg moderner, progressiver Lyrik, die auf Gedeih und Verderb besonders sein möchte. Aber ich teste alles aus. Bei Berit Glanz bin ich allerdings auf geschmeidig schöne Poesie gestoßen, die in dem kleinen Band namens “Partikel” zum Einen sich mit dem Wort Partikel und seinem Zusammenhang in geophysikalischer Bestimmung an der Ostseeküste als Naturobjekt sich befasst. (großer Nerdfaktor)

“Die farblosen Tröpfchen im Nebel
streuen das Licht
und machen mit ihrer Sichtbarkeit
die Dinge unsichtbar.”

Seite 36, “Partikel” (2020 Reinecke & Voß)

Zum Anderen beschäftigen sich die Zeilen mit dem plötzlichen, sich quasi in Staub aufgelösten, Verschwinden des Malers Alfred Partikels, der im Herbst 1945 nicht mehr in Ahrenshoop gesehen wurde und seit dem als verschollen gilt.

“Figuren tanzen durch Farben
stark und flächig
und Alfred Partikel
wird Teil des Ganzen.”

Seite 18, “Partikel” (2020 Reinecke & Voß)

Und zu guter letzt malt Berit Glanz mit ihren Worten Fischland-Darß, die Ostseeküste so dermaßen schön aufs Papier, sodass ich sofort an die Ostsee möchte. (Der Urlaub in Oktober ist geplant – Ostsee ich komme.) Mit Fischland-Darß verbinde ich den ein oder anderen Sommerurlaub in meiner Kindheit. Meine Familie hat zwar nie direkt in Ahrenshoop, soweit ich mich erinnere, Urlaub gemacht, aber wenn wir in der Nähe waren, war der Besuch dieses Ortes essentiell.

“Die Uferschwalben am Kliff
in der Sommerhitze des Fischlands
die Winterbernsteine und ihre
Elektrostatik bei Reibung
am Wollmantel.”

Seite 27, “Partikel” (2020, Reinecke & Voß)

Dieser Gedichtband tut gut. Ich konnte mich in den Worten fallen lassen und ich spürte die Nähe zum Meer und zur Küste. Ebenso spürte ich, dass ich nur ein Teil des Ganzen bin. Ein Partikel im Weltenraum der Geschichte.
Irgendwann verschwindet man. Vielleicht nicht so plötzlich und ohne Zeugen wie Alfred Partikel und möglicherweise wird auch kein Lyrikband über mein Verschwinden geschrieben, aber sich bewusst zu sein und zu werden, dass man nicht der Mittelpunkt der Welt ist, ist immer wieder wichtig in heutigen Zeiten.

Eine Frage bleibt jedoch und wahrscheinlich noch eine ganze Weile:

“Warum sich in einer Gruppe auflösen
wenn am Schluss die Teilung steht?”

Seite 18, “Partikel” (2020, Reinecke & Voß)

Das Buch ist bei Reinecke & Voß 2020 erschienen (ISBN: 978 3942901406). Berit Glanz hat mir dieses Buch geschenkt.

Über die Autorin: Berit Glanz ist 1982 in Preetz geboren. Sie hat Skandinavistik und Theaterwissenschaften studiert. Seit 2010 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Greifswald. 2017 war sie Jury- und Publikumspreisträgerin des Literaturpreises Mecklenburg – Vorpommern. Ihr Debütroman heißt “Pixeltänzer” und ist prämiert mit dem Hebbelpreis.

Bog Bodies [Declan Shalvey]

Über das Buch:
Es ist eine fiese kurze Crimestory, die vor den Toren von Dublin in deren Höhen sich spielt. Eine Frau, genannt Neev, ist verschwunden erklärt worden, ein Typ namens Kilian ist Mitglied einer Gangsterbande und er hat einen Auftrag nicht richtig ausgeführt, wofür er gerächt werden soll. Dafür wird er von zwei sehr unsympathischen Gangstertypen vor die Stadt gefahren, wo er umgebracht werden soll. Kilian kann fliehen und dann beginnt die Jagd und das Verstecken, wo er Neev kennenlernt, die verängstigt sich im Wald versteckt hat. In dieser Graphic Novel geht es um den Horror des nackten Überlebens, wenn Menschen hinter einem her sind.

Über die Autoren:
Declan Shalvey ist Ire. Er hat das Buch geschrieben. Er arbeitet als Autor, sowie als Illustrator von Graphic Novels. Er illustrierte für image Comics den ein oder anderen Batman, Deadpool oder Punischer Band und dies zusammen mit dem Autoren Warren Ellis. Seine erste in Irland spielende Graphic Novel war “Savage Town”.
Gavin Fullerton ist ebenso Ire. Er hat Bog Bodies illustriert. Er hat unter anderem die Storyboards für Disneys “Space Checkens in Space” geschaffen.

erschienen 2020 bei image Comics “Bog Bodies” Declan Shalvey

Meine 10 Cents:
Dieses Buch ist sehr dünn. Die Geschichte ist sehr schnell erzählt, wobei ich eine andere Story erwartet hatte. Es ist ein Kammerstück an nackter Gewalt in Sprache, dem Ton und der Charaktere untereinander.
Die Story ist düster. Man wird im irischen Original (Slang – holla die Waldfee) mit dem Lokalkolorit Englisch konfrontiert, wie als wäre es die gezogene Knarre. Was zur Folge hat, dass Du als Leser noch direkter in das gewalttätige Milieu geschleudert wirst. Ohne Erbarmen. Geradeaus. Die Charaktere werden einem bis zum Schluss nicht sympathisch, aber sie sind überzeugend unsympathisch, was dem Lesen gut tut.
Kilian, der naiv wirkende Unglücksbold, der den Auftrag seiner Gangsterkollegen nicht korrekt ausführte, wird bis zum Schluss als nicht ganz so helle dargestellt. Einen Vorteil hat er, er ist immer noch heller als seine Gangsterkollegen. Helfen wird es ihm aber auch nicht wirklich (Spoiler). Er hat wenigstens eine kleine Spur an Empathie gegenüber Neev.
Die beiden Hächer und Gangsterkollegen sind. einfach nur hässlich im Äußeren (überzeugend illustriert), in der Sprache, in ihrem Auftreten und in ihrem Tun.
Neev, die Frau, die als Storyfaden mehr oder weniger zu sehen gilt, ist für mich nicht gut genug ausgearbeitet worden. Ich hätte gern noch irgendein Ende für Neev in der Story gehabt. Und sei es ein offenes Ende gewesen, aber sie wird einfach gar nicht mehr erwähnt, was ich schade finde, denn der Beginn der Story war ja auch mit ihr. Ein “Sie lief die Straße zurück in die Stadt.” “Sie versteckte sich weiterhin.” “Sie wurde erschossen aufgefunden …” oder was auch immer, hätte ich gut gefunden. Deswegen war ich mit dem Ende nicht ganz zufrieden. Ich hätte aber keinesfalls Kitsch mir gewünscht.

Für experimentierfreudige Graphic Novel Leser, die auf derbe Sprache, kantige Figuren, düstere Illustrationen, storymäßige Quickies mit irischem Akzent stehen und mehr auf den psychologischen Gehalt eines Werkes schauen, sei dieses Buch empfohlen.

Es ist bei image Comics erschienen. ISBN: 978-1-5343-1330-9