Das Haus im Dunkel [José Luís Peixoto]

Das Schräggedruckte: Ich hatte im Jahr 2019 irgendwann mal … gefühlt März / April … mal auf Twitter belesene / schreibende Menschen nach Empfehlungen gefragt und ich bekam für junge portugiesische Literatur von Fernando (Moonspell) José Luís Peixoto empfohlen. Mir wurde auch auch noch von A.L.Kennedy Naomi Alderman empfohlen (die ich auch sofort las und gut befand) und Neil Gaiman hat mir eine Sammlung von Harlan Ellison empfohlen, als Science Fiction Einstieg. Ja, auch Twitter geht so was. Das gefällt mir. 😉

Mit dem Namen José Lúis Peixoto auf einem Zettel bewegte ich mich in den lokalen unabhängigen Buchladen und legte den Zettel einer Händlerin des Vertrauens hin, denn ich wusste mit 100%iger Sicherheit, dass kein Peixoto im Regal stehen würde … und mein lokaler Buchladen ist dreigeschossig und gut sortiert. Aber ich bestellte das Buch und es konnte am übernächsten Tag abgeholt werden (gemeinsam mit Alderman und Ellison). Ich liebe diesen Service.

Über das Buch “Das Haus im Dunkel”: Der Leser wird von einem erfolgreichen Autoren in ein Haus mitgenommen, in dem seine Mutter und zwei Sklavinnen leben (warum und weshalb dies Sklavinnen sind, hab ich bis zum Schluss nicht herausbekommen, aber das ist nicht wirklich relevant für die Story … außer dem Fakt, dass sie einen anderen Stand haben als die Mutter und der Autor). Dazu kommen in mäanderformigen Erzählsträngen neue Charaktere dazu … wie ein Violinist, ein Prinz. Und Katzen spielen ebenso eine Rolle. Das Haus ist im Winter recht kühl und in einem Monat des Jahres steht es im Dunkel, aber es ist Leben in ihm. Um dem Haus herum ist ein wilder Garten, der von den Katzen bevölkert wird. All dies wird dem Leser wunderschön und ausschweifend vermittelt. Dann ist da noch der Autor, der nach Worten sucht und beim Augen Schließen die ideale Frau sieht, die er in allen Schreibstunden fortan beschreibt.

“Wenn ich schreibe, berühren wir einander. Die Liebe ist alles, was existiert.” (Seite 61, “Das Haus im Dunkel” Septime Verlag 2015)

Eines Tages kommt der Prinz von Calicatri in dieses Haus und erzählt von den Invasoren, die vor den Toren des Ortes stehen. Diese scheinen erst als wüste Drohung in ferner und nicht fassbarer Weite, aber sie tauchen auf. Die Invasoren sind furchtbar, brutal mordend, wild schlachtend und malträtierend und es ist vollkommen egal, welchen Stand die Menschen (und Tiere) im Haus im Dunkel haben. Es ist einfach nur grausam. Man fragt sich, ob der Autor bei all der Grausamkeit zusammen mit den anderen Gefangenen im Haus im Dunkel jemals die Liebe finden wird. Oder ob sie einfach ausgelöscht wird. Ein Buch, in dem es sich die gesamte Zeit um Beziehungsebenen dreht. Ein Psychogramm des dunklen Hauses. Ein Psychogramm unserer Gesellschaft in der wüstesten Vorstellung?

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(Illustration und copyright: Natascha Artworx)

Meine 10 Cents: Als Leser ist man hin und her gerissen, ob man die Story toll finden soll oder nicht. Man ist ebenso hin und her gerissen mit den eigenen Gefühlen, weil man diese Grausamkeit ab dem Kapitel mit den Invasoren so schrecklich finden müsste, aber Peixoto dies so dermaßen poetisch darstellt, dass es einem als Leser mitreißt und man wie besessen weiter liest. Es ist um so erschreckender, das je weiter das Buch voran schreitet, der Terror und die Grausamkeit sich immer harmloser anfühlt und man sich als Leser scheinbar dran gewöhnt. Man erschrickt an seinen eigenen Gefühlen. Man wollte nie so abgestumpft werden, dass man Terror, die Verrohung der Gesellschaft einfach so schweigend hinnimmt. Und man tut es trotz alledem als Leser. Ich bin wirklich ein Leser, der total schnell berührt werden kann und Tränen in die Augen bekommt, sobald zuviel Leid oder zuviel anheimelnde Stellen in Büchern auftauchen, die logisch und großartig geschrieben sind. Bei Peixoto weinte ich an keiner Stelle. Peixotos Grausamkeit ist überspitzt und es ist, ich mag es noch mal sagen zu schön geschrieben. Es ist Kunst. Dieses Buch ist für mich eine Metapher, ein Analogismus auf diese Welt, die immer mehr aus den Fugen geraten mag, mit Terror, Grausamkeiten, die quer durch die Gesellschaft gehen, die sich gegen die Natur (Katzen als Symbol für die Natur) wendet und der die Fürsorge und Liebe zu den Mitlebenden immer mehr schwinden mag. Ich möchte nicht in so einem Haus im Dunkel leben. Ich möchte in einer liebenswerten respektvollen Gesellschaft leben. Der Autor kann im Übrigen nach dem Eintreffen der Invasoren nicht mehr schreiben. Er wird Opfer des Terrors, aber ist als Protagonist und Observist der Situation noch “Sprachrohr” in der Welt mit den verkrüppelten Seelen.

Leser die sich nicht von grausamen Darstellungen auf Papier schocken lassen und die Liebe im Herzen haben, sei dieses Buch empfohlen. In Deutsch erschienen im Septime Verlag, 2015. Der Roman ist im portugiesischen Original 2002 erschienen, aber er fühlt sich keinen Tag gealtert an. ISBN: 978-3-902711-34-2

Über den Autor: José Lúis Peixoto ist Portugiese, geboren 1974, hat Moderne Sprachen und Literatur in Lissabon studiert und “Das Haus im Dunkel” ist sein erster ins Deutsche übersetzte (von Ilse Dick) Roman.

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