Optimistisch und Lebensbejahend: Moonspell / Rotting Christ / Silver Dust auf Tour quer durch Europa 2019

Es ist vollbracht. Die Tour ist zu Ende. Die drei Bands waren innerhalb von 52 Tagen in ganz Europa unterwegs und haben 49 Konzerte gegeben. Geplant waren 50 Konzerte. Athen musste ausfallen aufgrund eines Sturms und der zu “arschknappen” Anreise. Ich habe drei Konzerte der Tour gesehen: Hamburg, Hannover und München. Hamburg war Show Nummer 1, Hannover war eine Woche vor Schluss und München war am letzten Sonntag das letzte Konzert der epischen Tour.

Als ich den Tourplan sah und die Tour noch gar nicht begonnen hatte, fragte ich mich schon: “Na, ob das wohl gut geht?” Ja, es ging gut. Alle Künstler sahen in München zwar nur noch müde aus und man spürte, dass sie total gern auf der Bühne standen, aber sie hatten einfach nur noch Heimweh und wollten nach Hause. Also, ich gönne Ihnen das vollkommen. Ich war sehr glücklich an allen drei Abenden dabei gewesen zu sein.

In Hamburg bin ich mit der U-Bahn ausgeruht, aber dafür mit schmerzenden Auge dank abklingender Bindehautentzündung aufgetaucht. Ich hab so gut wie nichts gesehen, da ich die Augen fast nur geschlossen hatte. (Trotzdem gibt es ein paar nette Fotos vom Konzert). Ich hab aber alles musikalisch aufgesagt, was nur ging.

Silver Dust aus der Schweiz haben mich mit ihrer Musikalität, dem “Steampunky Anblick”, dem Nutzen der Videoleinwand (mit hübschem Rahmen) und zu den Songs passenden Einspielern, schwerst überzeugt. Das war sehr clever und unterhaltsam. Ich hatte aber das Gefühl, dass der Respekt zu den Kapellen, die danach auf der Bill stand, war so groß, dass die Bühne und das Standing erst mal vorsichtig, aber mit Bravour austestete. Das Publikum in Hamburg war aber auch ein sehr dankbares und respektables Volk. Es ließ sich auf Silver Dust ein und  feierte das Set nach anfänglicher nordischer Kühle ab.

Rotting Christ hatte ich bisher überhaupt nicht auf dem Zettel, aber ich habe es sofort gemocht. Eingängig opulentes Blackmetalgeschrammel und dazu sehr charismatische Männer auf der Bühne. Das war wirklich beeindruckend. Kein Schnickschnack auf der Bühne. Einfach nur pure Musik und dazu passendes Licht und sehr enervierend und ansteckende Stimmung. Rotting Christ gehen sofort ins Ohr, in die Beine und in den Kopf (Headbangen galore). Das hat Spaß gemacht. Die sehr rhythmuslastigen / schlagzeugdominierten Songs haben mir am meisten gefallen.

Moonspell beschreibt ja Mr T sehr passend als “Devis lusitanische Kater”. Für mich machen die Jungs einfach nur Musik, die essentiell mittlerweile für mich geworden ist. Ich habe seit Veröffentlichung des Werkes 1755 die Herren 10 Mal gesehen. Das Konzert in Hamburg war Nr 8 gewesen. Man spürte die Nervosität vor der langen Tour und es lief auch noch nicht alles glatt, aber das tat dem Entertainment auf der Bühne keinen Abbruch. Die Herren sind so unfassbar gut eingespielt und man nimmt ihnen alles musikalisch ab, das ist einfach nur schön zu sehen. Bei Moonspell hab ich stets das Gefühl, dass da eine Gang auf der Bühne ist. Menschen, die sich sehr mögen und die Freude an ihrem eigenen Werk haben. Ich kann es kaum erwarten, dass sie neuen Stoff unter die Menschheit bringen.

Hamburg war ein guter Auftakt für die Tour. Das Publikum war leicht entflammbar. Das ist nicht immer so in Hamburg und Publikum wie auch Bands waren mit Voranschreiten ihrer Sets entspannt und sogen die entgegenbrachte Freude des Publikums dankend auf. Nach dem Konzert wollte ich allerdings nur noch direkt wieder ins Bett. Ich war vollkommen im Eimer und hatte am nächsten Tag noch nen Termin beim Arzt und der Krankengymnastik.

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Hannover war so eine absolute Schnapsidee (oder Brandy- / Portweinidee) von mir gewesen. Ich hatte Mitte November schon wieder derbe Lust auf Moonspell und ich wollte unbedingt noch mal Rotting Christ und Silver Dust sehen, weil ich in Hamburg mit meinen Augenschmerzen nicht so viel von hatte. Ich wartete also sehnsüchtig auf den Dienstplan Dezember und als ich sah, dass der Trip nach Hannover möglich war, kaufte ich unverzüglich das Ticket für das Konzert. Den Zugtrip hatte ich bereits für Konzert Nr 2 von Swallow the Sun (auf deren Herbsttour) ausgetestet. Es ist machbar, aber kann sich zum Ende hin ziemlich strecken, wegen schöner Verspätungen. Egal. Ich wollte es so. Die Idee nach 5 Tagen Frühdiensten in Folge auch noch auf ein Konzert zu fahren, um am nächsten Tag wieder Frühdienst zu haben, ist so bescheuert gewesen, da fällt es auch nicht mehr so ins Gewicht, dass ich vollkommen bescheuert dann auch noch mit FC Porto Shirt auftauchte. Ich hatte überhaupt keine Muse mich umzuziehen von der Arbeit. Ich war emotional komplett ein Wrack. Der Zug nach Hannover war komplett überfüllt und ich stand (Nein, es gibt kein Foto davon.) Es war richtig kalt und ich habe mich geärgert nicht einen Hoodie angezogen zu haben. Ich hatte nur meinen Wollgehrock und darüber die Winterjacke. Als ich zum MusikZentrum kam, war ich noch nicht die Erste. Es waren bereits “Wiederholungstäter” vor der Tür, die wie ich später erfuhr bereits in Bochum und Hengelo bei den Konzerten waren. Sie wollten genau in die Mitte erste Reihe. Dies war mir äußerst recht, denn ich stehe ja am liebsten etwas links. Da habe ich volle Sicht als Einäugige unter den Blinden.

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Silver Dust waren richtig gut drauf. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass Hannover so aus sich rausgehen kann. Sie waren mittlerweile auf die Crowd eingestellt und es fühlte sich deutlich härter, runder, gelassener an, was sie auf die Bühne stellten. Die Songs gingen gefühlt besser ins Ohr (obwohl sie sich gar nicht geändert hatten an und für sich und überhaupt). Silver Dust waren der perfekte Support für die zwei folgenden Kapellen, die folgten. Ich freute mich sehr, dass sich Silver Dust im Laufe der Tour sich eine eigene Base erspielt hatten. Und wozu?! Zurecht!

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Rotting Christ waren saugut. Ich hatte mich vorher intensiver mit deren Werk (vor allem deren “Hits” auseinander gesetzt, sodass ich mich nicht ganz so verloren in der ersten Reihe wieder fand. Ich mag den Oldschool Blackmetalsound. Ich liebe die Rhythmusfraktion und die hymnischen Werke. Allerdings störte mich an dem Tag etwas ganz derb … ich stand ja vorn beim Bassisten … und es gab keinen Abstand zur Bühne. Es waberte stetig ein intensiver Bassistengeruch zu mir, den ich weniger sexy fand. Ich habe dies über mich ergehen lassen, denn der Musik gab es keinen Abbruch. Ich hoffte nur imständig, dass es in München wieder einen Graben geben würde. 😉 … Sehr lobend möchte ich auch erwähnen, dass die Crew so eingespielt war, dass Umbaupausen nur maximal 15 min dauerten. Ich fand das recordverdächtig. Es hatte den Nebeneffekt, dass man dafür mehr Musik auf die Ohren bekam. Es gibt nichts Schlimmeres als sich schleppende Pausen zwischen Sets.

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Moonspell … halten wir fest, dass erstens technisch in Hannover alles stimmte … zweitens, dass man sah und spürte, dass das Heimweh schon arg da war … und drittens ein Track aus Sin Pecado gespielt wurde. Seufz … wie großartig. Die Show war länger als 1 1/2h lang. Ich hatte gefühlt das gesamte Konzert lang Pipi in den Augen. Ich war vollkommen emotional. Zudem hatte ich bereits in Hannover meine zweite Schlagzeugstunde schon hinter mir und ich bekam von Mike meine zweite “Reliquie” … einen zerschrammelten Drumstick. Ich war schon ein ganz kleines bisschen “im Himmel”. Mir war es Wurst, dass ich den Zug um 23:48 Uhr nach Hamburg verpassen würde. Ich versuchte nach dem Konzert mich zu orientieren … weil ich komplett hin und her gerissen war. Ich hätte glaube ich “durch” machen können. Wäre aber keine gute Idee gewesen. Ich habe natürlich mit FC Porto Shirt bei Crew und Band Aufmerksamkeit erheischen können. Sorry … 😉 (Nein, nicht wirklich). Als ich aus dem MusikZentrum gehen wollte, ist mir die Zufallsbekanntschaft vom Swallow the Sun Konzert entgegen gekommen. Ohne meiner Lobhudelei wäre er wahrscheinlich nicht bei dem Konzert gewesen. Er fand es aber richtig gut und meinte, er müsste sich noch in Moonspell reinhören, Rotting Christ wäre für ihn “einfacher zu verdauen” gewesen. Bin ich doch ein kleiner Influencer? Als ich aus der Halle raus war, habe ich zwei Männer angesprochen, um sie zu fragen, wie man am schnellsten zum Hauptbahnhof kommt … der eine war Portugiese und der andere meinte: “Ach was, bevor ich Dir das erkläre, fahre ich Dich schnell hin.” Geil, so hatte ich doch noch den 23:48 Uhr Zug erwischt. Problem war nur, dass er 20 Minuten Verspätung hatte und während der Fahrt nach Hamburg immer mehr drauf legte. Weswegen und warum, ist mir schleierhaft. Ich war 3 Uhr morgens im Bett. Ich wurde vom Wecker 5 Uhr 30 Uhr geweckt. Ich weckte aber mit einem seeligen Grinsen auf.

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München sollte das letzte Konzert der Tour sein und auch mein letztes Konzert der Tour. Mr T und Freundin Isabella wollten sich diesen Abend auch nicht entgehen lassen. Isabella hatte die Tickets besorgt. Mr T die Flüge und das Hotel. Das war alles schon von langer Hand voraus geplant gewesen. Nebenbei haben wir auch noch weitere soziale Kontakte gepflegt in München. Als wir Samstag ankamen, sah ich zum ersten Mal, wie das aussieht, wenn Föhn sich in diesen Sphären ankündigt. So eine Wolkenwand, die von Sonne weggeschoben wird hatte ich noch NIE, wirklich NIE, vorher gesehen. Am Morgen war es wirklich noch arschkalt. Am Sonntag war es rund 10 Grad wärmer. Kein Wunder, dass dann die Menschen komplett am Rad drehen. Mit Isabella waren wir Sonntag vor dem Konzert noch lang spazieren im Englischen Garten und fein essen im Wirtshaus in der Au (absolut zu empfehlen).

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Silver Dust … Mit Silver Dust konnten die Münchner irgendwie nichts anfangen. Ich hatte das Gefühl, dass das Bild von München mit all seinen Vorurteilen sich auch auf die Zuhörerschaft beim Metalabend zeigte. Man kehrte seine etwas snobistische abgehobene Art raus. Kennen wir nicht. Mögen wir nicht. Warum wollen die, dass wir mit denen auf der Bühne Späße machen. Wir sind nur für Rotting Christ oder Moonspell da. Ihr seid uns Wurst. Ich fand das ehrlich gesagt doof, aber ich habe mich einfach dann irgendwann nicht mehr umgedreht und es schien ja auch einigen ordentlich zu gefallen. Mr T gefiel es jedenfalls außerordentlich gut. Und der Band schien es auch nicht sonderlich zu stören. Sie machten routiniert ihr Set und ich feierte das Ganze derbe. Noch zwei Tage später hatte ich Melodien von Silver Dust im Kopf rumwabern.

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Rotting Christ waren routiniert einheizend. Ich hatte das Gefühl, dass das Publikum in München tatsächlich so eine Crowd war, die entweder für Rotting Christ oder für Moonspell gekommen waren. Das war bei den Konzerten in Hamburg und Hannover nicht so offensichtlich gewesen. Ich meine, ich war auch wegen Moonspell da, aber ich konnte mich sehr für Rotting Christ begeistern. Vor allem je öfter man sie sieht. Diesmal war auch der “Graben” wieder dazwischen und alles war gut mit meiner Luft. 😉 Ein Vorteil hatte die größere Rotting Christ Hardcore Fanschaft schon. Es ging ordentlich was ab im Publikum und nach dem Set durchmischte es sich in der Nähe der Bühne ganz offensichtlich. Sprechen wir aber bitte nicht von der merkwürdigen Lady, die mich kurz nach Einlass wegbeißen wollte, weil ich in ihrer Nähe stand. Man kann durchaus auch im freundlichen Ton evtl. “Gebietsansprüche” vor der Bühne klären, ohne pampig zu werden. Meine zweite Wahl an Platz war dann sowieso die bessere Wahl. Mit entspannten Rotting Christ Fans und einer exzellenten Sicht auf das Ganze Spektakel.

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Moonspell begannen erst ihre Show 22:15 Uhr. Für den geneigten Portugiesen keine fremde Zeit für Konzertbeginne, aber für den geneigten Deutschen, der zumeist am nächsten Abend arbeitet, ist das schon schwere Kost. Das Konzert war eine reine Uptempogassenhauerfinaltourshow. Ich habe es den Männern so gegönnt. Sie gaben echt alles (und ich auch … man hab ich “geölt” und hatte ich einen respektablen Metalnacken hinterher). Aber es war soooooo schön. Ich hätte durchaus mehr vertragen können.

IMG_8007Was mich richtig freute, war der Fakt, das der Merchandise Stand von allen Bands am Ende der Tour leer gefressen war. Es gab noch einzelne Shirts in lustigen Größen. Es gab noch wenige Vinylscheiben, feuchte Händedrücke vom Merchmann und das war es dann. Also es war durchaus nicht alles schlecht auf dieser 53 Tage Tour quer durch Europa. Ganz versöhnlich finde ich, dass diese Bands wirklich primstens zusammen passten. Ich habe mich mit Silver Dust und Rotting Christs Musik sehr gut anfreunden können. Beide Bands standen vorher nicht auf meiner Speisekarte. Ich freu mich auf ein baldiges Wiedersehen, wo auch immer unter welch widrigen / nicht widrigen Umständen auch immer. Ich kann nicht genug bekommen. Es ist mir immer eine große Freude Menschen zuzusehen, die gern auf der Bühne stehen und ihre Musik voller Enthusiasmus nach außen hin, transportieren. Das kaputte Mikrokabel vom Schlagzeug bei Moonspell tat zwar im ersten Song weh, aber das war an dem Abend auch egal.

Ach ja, bevor ich es vergesse … da war noch was … das herzliche Umärmeln von Mike am Flughafen und die Erklärung für Luis (Crew), dass ich wirklich keine Portugiesin bin. Ich freu mich schon auf 2020 … wenn Neues von Moonspell kommt.  Und nein, es gibt keine Heldenfotos von der Tour. Ich freu mich einfach nur, die Männer zu sehen und kurz zu herzen. Dann ist aber auch gut.

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