John Marr und andere Matrosen [Herman Melville]

Herman Melville (1819 -1891) ist uns allen bekannt durch sein Überbuch “Moby Dick”, welches man mögen kann oder nicht. Ich gehöre zu den Menschen, die Moby Dick feiern. Zu Melvilles Lebtagen hat seine Bekanntheit und seine Wichtigkeit in der Literaturwelt immer mehr abgenommen in den USA. Aber er hatte in UK Freunde und Bewunderer und mit denen hielt er Kontakt, insbesondere mit William Clark Russell. Er ist wahrscheinlich der Autor, der den ersten Seefahrtsroman geschrieben hat (The Wreck of Grosvenor … ich würde gern dieses Buch in meiner Seefahrtsbibliothek besitzen) …

Das Buch “John Marr und andere Matrosen” wurde von Herman Melville mit einer Zueignung zu William Clark Russells begonnen, in der Melville seine Bewunderung ihm gegenüber zeigte. Er hat ihn auch dazu bewogen, für die UK Freunde dieses Büchlein zu veröffentlichen, mit kleinen Stücken gemischt aus Prosa und Lyrik. Dieses Buch wurde 3 Jahre vor Melvilles Tod anonym in einer 25 Stück Auflage veröffentlicht. In Deutsch gab es dieses Buch erstmalig 2007.

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2008 wurde das Buch beim Mare Verlag veröffentlicht, aber diese Ausgabe ist vergriffen. In diesem Jahr wurde es neu veröffentlicht in der schnieken leinengebundenen  Schuberausgabe. Es musste dringend zu mir.

Im ersten Teil werden John Marr und andere Matrosen in kurzen Stücken portraitiert. Es sind Männer, die mit Herz und Hirn Seemänner waren. Welche die Sehnsucht nach der See haben. Welche, die mit der Industrialisierung und dem Raubbau an der Natur hadern. Welche, die mit dem Alleinsein und dem Leben an Land nicht klar kommen. Welche, die den Sezessionskrieg nicht verstehen und irgendwie alles zusammen. John Marr ist so einer, er hat nach seiner Seefahrerzeit sich in der Prärie niedergelassen und hatte dort Frau und Tochter, die aber kurze Zeit später verstarben. Mit den Bewohnern des Ortes kam John Marr nie klar. Sie leben zwar in der Weite der Prärie, aber kommen recht engstirnig daher und mit John Marr können sie auch nichts anfangen. Marr fühlt sich sehr allein. Die Wogen des Windes in den Präriefeldern erinnern John Marr an das Meer und er ist über die wachsenden seelenlosen Städte in der Weite des Landes traurig.

“Auf See: Flotten machen sich kampfbereit,
Und der Mensch, Opfer und Täter zugleich, segelt auf Leid.”

(aus "Die Kieselsteine, Vers IV, Seite 98)

In Melvilles Seestücken (Teil 2) liest man die große Liebe zur rauen See. Zur Ursprünglichkeit und Macht der Natur. Melvilles Lyrik beschäftigt sich auch mit den Seeschlachten des Sezessionskrieges. Es sind brutal morbide Stücke. Melvilles Haltung zum Sezessionskrieg ist herauszulesen und in den Stücken ist nachzuvollziehen, dass das Seefahrerleben mit dem Einzug von Maschinen nicht mehr viel mit der romantisierten Haltung von Heldentum, Tapferkeit zu tun hat. Dies bedauert Melville in seinen Stücken.

Meine 10 Cents: Ich mochte den kritischen Unterton zum Morden im Sezessionskrieg. Das Nachdenken über den Raubbau an der Natur und dem Einzug der Maschinerie (auf dem Land wie auch auf See) und dem damit einhergehenden Verlust am Handwerk, auch wenn Melville nicht den Begriff Handwerk nutzt. Ich kann die Sehnsucht zum Meer und zur Küste sehr nachvollziehen. Es gibt einen Grund, warum ich im Norden lebe. Für mich war und ist dieses Buch ein großes Stück Kurzweil und ich kann mir vorstellen dieses Buch immer mal wieder in die Hand zu nehmen.

ISBN: 978-3-86648-615 (erschienen 2019 beim mare Verlag, Hamburg)