Analoges Mädchen in der digitalen Welt

Halten wir es mal fest, letztes Wochenende ist in Hamburg das erste Brettspielcafé namens Würfel & Zucker erfolgreich eröffnet worden. Vorige Woche las ich in einer kleinen Nebenmeldung, dass Sony wieder anfangen möchte Vinyl zu pressen. Da passiert etwas.

Im Juni fand ich zu all dieser analogen “Revolution” ein Buch, welches ich durchatmete. Dies brachte mich zu einige Gedanken, die ich in mein Moleskine Büchlein zu Papier brachte und ich jetzt mit Euch teilen mag.

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Seit Jahren trag ich einen Pin an meiner Konzerttasche, auf der steht “You’re an analog girl in a digital world”. Dies Zitat ist von Neil Gaiman aus American Gods.

Ich nutze das Internet, die digitale Welt sehr wohl, aber ich bin tatsächlich mehr analog, als es sich vorstellen mag.

Als ich vor reichlich vier Jahren meinen Lebensabschnittsgefährten Mr T kennen lernte, gab es eine äußerst amüsante Sitaution. Zum Telefonnummern tauschen reichte er mir einerseits seine Visitenkarte und ich zückte nach minutenlangem Handysuchen entnervt mein Moleskinebüchlein (ja, ich bin ein Markenschwein und ich steh dazu), in dem die wichtigsten Nummern stehen. Handgeschrieben, mit Bleistift, natürlich. Mr T sagte mir damals schon, dass er nicht virtuell Daten unnötig hin und her schickt, weil er so weit wie möglich unsichtbar bleiben mag. Er arbeitet als Informatiker – als Datenbankexperte, also er weiß, wovon er spricht. Ich mag diese Einstellung (und deswegen bleibt er auch in meinen Erzählungen nur Mr T).

Wir beide haben bis heute nur Mobiltelefone, mit denen man telefonieren (manchmal) und Kurznachrichten versenden kann. Selbst unsere Displays sind  schwarz weiß. Wir mögen unsere “dummen” Telefone. Wir hinterlassen an feststehenden Computern bereits genug Spuren im Netz.

Ich habe auch nie das Bedürfnis gespürt mir einen e-book reader anzuschaffen. Ich habe schon immer besitzen wollen. Ich mag die Haptik, den Geruch und den Geist von neuen wie auch alten Büchern. Was ich dabei ebenso liebe und zelebriere, ist deren Kauf in echten Läden. Wenn mir etwas nicht gefällt, möchte ich es sofort im Laden reklamieren oder mich anderwertig entscheiden. Ich mag keine Empfehlungen von KI Geräten oder bots erhalten, sondern von Menschen, die mit mir interagieren und wenn der Buchhändler mir ein Buch mit besten Wissen und Gewissen entfiehlt, dann weiß ich, dass es es tut, damit ich nicht enttäuscht bin und in Zukunft weiter bei ihm kaufe. Mir sind überschwängliche Empfehlungen zuwider. Diese kommen zumeist aus der digitalen Welt.

“Wenn man 26 Dollar für ein Buch ausgibt, möchte man sich geistig betätigen und sich mit Literatur beschäftigen. Man führt ein Leben, das intellektuelle Neugier erlaubt. Nur Premiumkunden kaufen und lesen heutzutage Bücher. … Die Rede ist von den reichsten, gebildetsten Kunden, die im Einzelhandel am begehrtesten sind und die wie Gold gewürdigt werden sollten. Bücher bilden die Spitze der Konsumpyramide” (Chris Doeblin – Book Culture)

Zitat aus David Sax "Die Rache des Analogen" S. 183

Genauso verhält es sich auch mit der Musik und meinem Genuss. Ich bin bei keinem Streamingdienst angemeldet. Ich mag Musik in echt genießen. Ich bin (noch) kein Vinylfetischist, aber ich mag Musik entweder live direkt erleben oder auf einem physischen Datenträger zumindest abgespeichert. CDs sind ja zugegebenermaßen auch schon fast out. Ich bin der klassische Konzertgänger. Dabei überschreite ich zielsicher, vorurteilsfrei und manchmal auch -geladen Genregrenzen. Manches Mal habe ich Bands und Künstler erst durch deren Livepräsenz lieben gelernt. Ich habe mir angewöhnt kaum noch Musik zu kaufen von Künstlern, wenn ich sie nicht wenigstens vorher einmal live erlebt habe. Online kaufe ich nur Musik auf den Bandseiten selbst. Da weiß ich, wo das Geld hingeht. Ich meide generell die großen Vollsortimenter der Onlineshopwelt. Vinylscheiben faszinieren mich, jedoch besitz ich keinen Schallplattenspieler. Besondere Ausgaben, sammle ich trotz alledem und viele Musiker, die Vinyl verkaufen, legen mittlerweile links zu den digitalen Downloads dazu, wenn man das Vinyl kauft. Das find ich praktisch … da kann man besitzen und trotzdem keinen Schallplattenspieler besitzen. 😉

Mein Leben ist alles andere als minimalistisch. Das Motto ist eher “Mehr ist mehr”. Allein, weil ich das Digitale nicht greifen kann, überblicken kann, horte ich lieber.

IMG_2843Mit meinem Partner Mr T habe ich einen Meister im Horten kennengelernt. Er näht in seiner Freizeit. Er hat sich das Nähen als Autodidakt angeeignet. Am liebsten schneidert er Kleidungsstücke in Anlehnung an Schnitte des 19. Jahrhunderts. Für mich hat er bereits am Anfang der Beziehung Gehröcke genäht. Ursprünglich war dies geplant, damit ich bei Opernbesuchen gut aussehe, mittlerweile bin ich mit den Gehröcken verwachsen. Er hat mir mittlerweile Röcke genäht und er ärgert sich sehr , wenn etwas nicht so läuft, wie er mag. Die Sammlung an Stoffen, Knöpfen, Bordüren, Spitzen füllt ein ganzes Zimmer in seiner Wohnung.

Als mir dann das Buch “Die Rache des Analogen” von David Sax in die Hände fiel, musste ich es sofort auch lesen. Es ist quasi wie für mich gemacht gewesen. David Sax begibt sich auf die Suche und die Fragestellung wieviel Analoges wieder in unseren Alltag zurückkommt, weil wir den Digitalen Overkill nicht mehr mögen. An welcher Stelle dies stattfindet und wie die Genese vom Digitalen zum Analogen wieder gelingt bzw. wie beschwerlich es ist.

Dies geschieht in verschiedenen Beispielen. Das Buch hat Sax in zwei Teile zerhackt. Der erste Teil beschäftigt sich mit den Analogen Dingen wie Vinyl, Papier, Film und Brettspielen und der zweite Teil mit den Analogen Ideen wie Print, Einzelhandel, Handarbeit, Schule und dem Analogen Anteil in Digitalen Technologien.

Das Buch von David Sax ist sicher keine komplette neue Sache für denjenigen, der analoge Dinge mag, aber es eröffnet Sichtweisen und erzählt gut journalistisch rechergiert den schweren Weg früher hochgelobter und vielgenutzter analoge Dinge, die aber von der digitalen Welt fast platt gemacht worden und deren Wiedergeburt.

Wenn man sich vom Analogen zum Digitalen bewegt, reduzieren sich die Dinge zwangsläufig. Man muss einfach austüfteln, was funktioniert. Analog ist immer die Quelle, immer die Wahrheit. Die Realität ist analog.

Zitat aus David Sax "Die Rache des Analogen" Seite 275

Sax versucht zu ergründen, warum wir uns nach analogen Sachen sehnen. Ich kann es für mich selbst erklären. Ich kann mich bei analogen Dingen viel mehr und viel intensiver auf etwas konzentrieren als bei digitalen Dingen. Es macht einfach viel mehr Spaß. Man sieht geschriebene Worte. Man kann produzierte, gesammelte Dinge sehen, man kommt in Interaktion mit Menschen. All dies zählt in dieser schnelllebigen Welt. Analog heißt für mich auch definitiv Entschleunigung. Und dies ist das, was ich zur Zeit am meisten benötige.

Sax’ Buch ist für Menschen, die auf Analog abfahren etwas und für jene, die noch sehr stark im Digitalen dümpeln ebenso. Einen Blick auf jeden Fall ist es wert. Es ist zum in den Schrank stellen ebenso sehr schön in der Hardcover Ausgabe in knalligem Grün, ordentlichem Papier, einer unfassbar großartigen Menge an Literaturhinweisen und links zu analogen Orten und erschienen im Residenz Verlag 2017 (ISBN: 9783701734078) … ich kaufte dieses Buch analog bei cohen & dobernigg.

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