Wahnsinnsopern zum Saisonende

Mein musikalisches Wohnzimmer mit Küchenanschluss ist das Alleetheater (Kammeroper) in Hamburg Altona. Dort habe ich in dieser Saison alle Inszenierungen mir angeschaut, die es zu fassen gab. Das letzte Programm ist überschrieben “Das Medium / Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte”. Es sind zwei Einakter, die eins gemeinsam haben. Sie haben den Wahnsinn als Thema. Leichte Kost, die geradlinig und als gefälliger Kulturabend verspeist werden kann, ist es jedenfalls nicht. Ich habe es jedoch wahnsinnig gern mir angeschaut.

Der Abend begann mit dem “Medium” von Peter Maxwell Davies (1981), ein Eindamendrama für Sopranstimme ohne musikalisch instrumentaler Begleitung. Dieses Werk ist ein 50 minütiger Parforceritt durch die Abgründe einer Seele verpackt in äußerer Hülle als “Medium”. Doch das Medium liest nicht nur aus der Hand des zuhörenden Partners, sondern lässt sprichwörtlich alle Hüllen fallen und legt alle Facetten seines eigenen Lebens, seines eigenen Dramas frei, um es mit Dir möglicherweise nicht freiwillig zu teilen.

MH053-®J.Fluegel.JPG

Kristin Ebner als Medium  // Foto: Joachim Flügel

Als Zuhörer kann man diese gespaltene Persönlichkeit erst begreifen, wenn man es zulässt und bei des Mediums stetigen Bewusstseinswechsels  dabei bleibt. Geht es um Vergewaltigung? War es Misshandlung? Ist sie selbstverletzend? Was sieht das Medium? Ein verlorenes Kind? Ist sie das verstoßene Kind? Hat sie Borderline oder paranoide Schizophrenie? Was soll das Ganze? Will sie überhaupt, dass man ihr hilft? Was will uns das Medium eigentlich sagen? Sind es möglicherweise alles nur Assoziationen, die das Medium aufgrund von Lichtwechseln, Temperaturschwankungen oder Geräuschen zieht?

Kristin Ebner, die auf der Bühne alle Facetten des Wahnsinns durchlebt mithilfe ihrer facettenreichen großartigen Stimme und Bühnenpräsenz, lässt uns teilhaben und gleichzeitig auch wissen, so sehr wir auch versuchen geistig bei ihr zu bleiben, ihr kann man nicht helfen. Es muss ungelöst und böse enden.

Ebner nutzt die komplette Bandbreite ihrer Sopranstimme (von glockenklar und rein über gurgeln bis quietschen) und überzeugt mit der schauspielerischen Leistung so ganz nebenher als gespaltene wahnsinnige Persönlichkeit. Borderline lässt grüßen, wo ebenso alle seelischen Tiefen und Höhen ausgekostet werden. Die Analogie zum realen Leben ist, dass man zumeist mit dieser Form von Wahnsinn als Außenstehender allein gelassen wird. Nimm dies und sieh zu, wie Du damit klarkommst. Das reduzierte Bühnenbild half ebenso ungemein das nicht Fassbare begreiflich zu machen.

Das Werk ist harter Tobak, aber grandios auf die Bühne gebracht. Schade nur, dass es für den geneigten Zuschauer der Kammeroper, der bisherige Inszenierungen kannte, keine Bedienungsanleitung oder Einführung vorher gab. Ich konnte damit umgehen, aber ich bin auch generell sehr offen für alle Formen der Kunst.

IMG_7905

Der zweite Teil war dann Michael Nymans Kammeroper “Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte” aus dem Jahr 1986. Ein Werk, welches auf einer Fallgeschichte des berühmten Neurologen und Psychiaters Oliver Sacks beruht (aus gleichnamigen Buch von 1985). Dazu die wunderschöne minimalistische Musik von Nyman (bekannt durch seine Musik zum Film “Das Piano” oder aber auch von diversen Peter Greenaway Filmen wie “Prosperos Book” oder “Der Kontrakt des Zeichners”).

Die Geschichte des Mannes ist geradezu einfach erzählt im Vergleich zum Medium. Der Mann Dr. P. ist Musiker, Sänger und Lehrer an der Musikhochschule. Gesungen wird dies von Titus Witt. Er kommt mit seiner Ehefrau, gesungen von Natascha Dwulecki, zur Sprechstunde von Dr. S., gesungen von Ansgar Matthes. Der Mann geht zum Arzt, weil er Probleme mit seinen Augen hat. Er verwechselt Dinge, sieht manches nicht, umarmt leblose Gegenstände, kann zu Gegenständen keine logischen Handlungen assoziieren. All dies scheint auf eine Störung der rechten Gehirnhälfte hinzudeuten, da Handlungen, die das Emotionale und rituell Erlernte betreffen nicht beeinflusst sind. Wie Dr. P. wirklich zu funktionieren scheint, erkennt Dr. S. erst bei einem Hausbesuch. So ist Dr. P. nur in der Lage sich anzukleiden, zu waschen oder zu essen, wenn dies mit Liedern begleitet wird durch seine Ehefrau. Hört die Musik auf, kommen Dr. Ps. Handlungsabläufe ins Stocken und seine neurologischen Ausfälle nehmen überhand, was Dr. P und seine Frau an den Rand des Wahnsinns treiben könnten.  Dr. S. kann den beiden nicht wirklich helfen, außer zu diagnostizieren, dass Musik Dr. Ps Medizin ist und dies wahrhaftig die Einzige.

MH176-®J.Fluegel Kopie.jpeg

Titus Witt als Dr. P, Ansgar Matthes als Dr. S. , Natascha Dwulecki als Mrs. P. (v.l.n.r.) // Foto: Joachim Flügel

Die Musik von Michael Nyman ist für diese Kammeroper die perfekte Basis. In Momenten, wo Dr. P. mit sich und seinen Handlungen logisch im Reinen ist, schwingt der minimalistische Teppich in freundlichen Wogen und Folgen. Schumanns Lied, welches Dr. P. singt, ist ebenso glockenklar von Titus Witt gesungen. Sobald Dr. P. aus dem Rahmen fällt, erhält Nymans Musik die typischen Staccatofolgen und abgehackte Motive. Dann singen auch teilweise alle drei Stimmen in verschiedenen Melodienfolgen und Texten, was vollkommen Sinn macht, nämlich Wahn – Sinn. Die drei Sänger haben zudem noch einen sehr starken schauspielerischen Anteil auf der Bühne neben dem Gesang zu erledigen und dies geschieht sehr überzeugend.

Der Abend in der Kammeroper hat sich mehr als gelohnt.

Diese Inszenierung ist noch bis einschließlich 25.06.2017 im Alleetheater zu sehen.

P.S.: Man kann an so einem schönen Opernabend auch noch zusätzlich fein essen. Das Opernmenü gibt es noch on top und ist sehr lecker.

________________________________________

Die Fotos wurden mir freundlicher Weise vom Alleetheater zur Verfügung gestellt.
Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s