Reisen ohne Ziel – Erinnerungen mit Weitblick

Ich bin ein großer Fan von Erinnerungen und Aufzeichnungen von Reisen. “Reisen ohne Ziel” ist dafür ein perfektes Buch. Es ist erschienen im Guggolz Verlag und ich kaufte dieses Buch dieses Jahr beim #indiebookday bei meinem Drogendealer des Vertrauens.

Harry Martinson der Autor ist mit 16 Jahren zur See gegangen. Für 7 Jahre. In den sieben Jahren hat er Erlebnisse festgehalten.

“Erfüllt von Pubertätsromantik, begeistert vom Piratentum und indianerblind war man zur See gegangen. Geschlechtslos romantisch brauste das Meer – Abenteuer! Abenteuer! Hinaus! Sich austoben!”

Martinsons Reisen führten ihn unter anderem nach Afrika, Island, Südamerika, Nordamerika, Indien, Deutschland … er war ein echter Nomade. Martinson war in seinen jungen Jahren mehr und weiter unterwegs, als ich es wahrscheinlich je sein werde.

17359324_1532541703422770_7870585453519887781_oDie Erinnerungen und Erfahrungen veröffentlichte er in essayartigen, skizzenhaften Anekdoten in zwei Büchern nach seiner Rückkehr von See. Der Guggolz Verlag hat diese zwei Bücher in eins gesteckt und großartig übersetzt von Klaus Jürgen Liedtke. Martinson lebte von 1904 – 1978. Er ist Schwede. Seine Erinnerungen erschienen 1932 (Reisen ohne Ziel) und 1933 (Cape Farewell).

Martinsons Blick auf die Welt ist grundehrlich und er fasst es in jugendlich direkter Sprache passend zusammen.

“Mit schwieligen Händen als Ausbeute kehrt der Lumpenwikinger heim. Rabauke der Meere und Tweed –  Kerl. Herrlich ist die Welt, aber um ihren Verstand ist es schlecht bestellt.”

Er zeigte in seinen Aufzeichnungen nicht nur den Blick auf Natur, Arbeit an Bord eines Schiffes, Eigenheiten von Nationen und Menschen, denen er begegnete, sondern ebenso den Weitblick, was politische Strömungen um diese Jahre schon ankündigten.  Seine Zitate sind zwar von den Dreißigern, aber sie wirken sarkastischerweise so modern, dass es mir beim Lesen fast den Atem stockte.

“Weiß Gott, ich hasse gewiss nicht Amerika, dieses große und wundersame Land. Aber ich hasse und verfluche die Nation der Heuchelei, die ihre dreckigen Zehen in allen Ländern, auf allen Breitengraden zeigt und sich in den meisten Hirnen und Herzen festgesetzt hat.”

Martinsons Worte sind scharf beobachtend und und andererseits witzig. Er nimmt seinen Leser auf seine Reise ohne Pausen und Hänger mit. Dabei wird man auf seine Ebene gezogen. Man sympathisiert mit dem Erzähler. Man erfreut sich an der jugendlichen, teils fotzelnden ironischen Sprache und ich konnte mich begeistern für Martinsons Beschreibungen ohne Weichzeichner. Wenn er manchen Menschenschlag nicht mochte, dann schrieb er es auch und wenn er manchem Landstrich nichts abgewinnen konnte, so schrieb er es ebenso auf.

“Nord – Ostsee – Kanal heißt ein langweiliger, altväterlicher Kanal, der immer irgendwie an Onkel Bräsig erinnert.”

Ich könnte noch mehr Zitate aus dem Buch herausfiltern. Mir hat das Buch große Freude bereitet und ich habe unzählbar viele Zitate mir notiert, weil ich sie schön fand. Ich konnte schmunzeln und ich war begeistert von der modernen Sprache des Autoren. Ich wünschte noch mehr so flockig leichte Erinnerungen lesen zu können. Dieses Buch geht weiter als Reiseliteratur. Es ist ein Buch, welches einen jungen Mann begleitet auf seinem Erwachsenwerden und dieser junge Mann betrachtet auch kritisch seine erkundete Welt. Ich kann dieses Buch unbedingt empfehlen vor allem für Leser, die gerne kurze Kapitel lesen mögen. Leser, die sich an schönen Beschreibungen mit Witz ergötzen können.

______________________________

gekauft analog bei Cohen und Dobernigg Buchhandel

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s