Der Lärm der Zeit

Dmitri Schostakowitsch ist für mich ein Musiker, den ich neben vielen anderen russischen Musikern gern höre. Nur hat er eine Sache, die er mit vielen meiner Lieblingen nicht gleich hat. Er hat Russland / Sowjetunion nie verlassen aufgrund politischer Diskrepanzen. Er hat das alles durchgestanden. Einerseits wurde er erst verfemt und später gefeiert. Aber stets war dem Menschen Schostakowitsch dies unangenehm. Er wollte doch eigentlich nur Musiker sein und künstlerisch tätig sein.

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Über das Buch: Das Buch ist ein historischer Roman. Wir begegnen einem Mann mit einem Koffer in der Hand und seinen besten Ausgehsachen desnächtens vor seiner Wohnungstür vor dem Fahrstuhl ausharrend. Dieser Mann ist Schostakowitsch. Er wartet darauf, dass die Fahrstuhltür aufgeht und Stalins Geheimdienst ihn abholt und deportiert.

“Wenn das Leben ‘Also’ sage, dann nickte man und nannte es Schicksal” (Julian Barnes)

Der Grund für diese Angst war die Aufführung seiner Oper “Lady Macbeth von Mzensk” am 26. Januar 1936, die auch Stalin sah … er war allerdings nicht mehr zu sehen am Ende des Werks und im Anschluss daran gab es dazu einen heftigen Artikel in der Prawda, der Schostakowitschs Leben nachhaltig veränderten. In diesem Buch wird episodenhaft von Schostakowitschs Ups und Downs, seinem gelebten Pessimismus und Optimismus durch Julian Barnes so erzählt, als sei es ein Werk von Schostakowitsch.

Über den Autor: Julian Barnes, Baujahr 1946, Brite, Journalist, Lexikograph und Autor wunderbarer Bücher. Gewinner des Man Booker Prizes

Meine 10 Cents: Dieses Buch ist genau für mich geschaffen. Warum? Ich mag Julian Barnes Schreibstil. Ich liebe Schostakowitschs Musik und ich mag es Geschichten über tragische Figuren der Geschichte zu lesen, die sich aber nicht unterbuttern lassen, sondern versuchen seinen persönlichen Katastrophen mit Ironie und Standhaftigkeit begegnen. Stalin besuchte erst die Oper am 26. Januar 1936 nachdem die Oper schon weltweit Furore machte und gefeiert wurde.

“Es war die Schuld seiner Oper, weil die so viel Erfolg hatte – im In- und Ausland -, dass der Kreml neugierig geworden war.” (Julian Barnes)

Diese ganze “Schuld” trägt Schostakowitsch sein ganzes Leben lang mit sich herum. Die Kurzbeschreibung seiner Musik aus der Prawda CHAOS STATT MUSIK wird er nicht mehr los. Er kann tun und machen, was er will. Sein Leben verbringt er auch im Anschluss an dieses Ereignis zumeist nur noch mit persönlichem Chaos statt Musik. Schostakowitsch hört nicht auf Musik zu schreiben, aber er muss Kompromisse eingehen, die viele seiner Kollegen nicht verstehen und die er selbst auch schrecklich findet.

“Musik – gute Musik, große Musik – war von einer strengen, unangreifbaren Reinheit. Sie konnte bitte, verzweifelt und pessimistisch sein, aber sie konnte niemals zynisch sein.” (Julian Barnes)

Das schöne an dem Buch ist, dass man Schostakowitschs Weg mit all den Kompromissen, die ihm mal passen und mal nicht passen, sehr ins Herz schließen mag. Er ist der tragische Held, den man einfach mögen muss. Vielleicht ist dieses Buch auch ein guter Einstieg zu Schostakowitsch als Menschen und seine Musik, wenn man ihn vorher nicht mochte. Frei nach dem Motto: Der war ja nie aus Russland / der Sowjetunion abgehauen in der Stalinzeit. Der hat sich vereinnahmen lassen und nach der Führungs Pfeife getanzt… blabla. Im Buch wird deutlich, dass Schostakowitsch einfach mal nicht ins Ausland gehen wollte, weil er da nicht hin gehörte. Ich kann seine Zweifel, die zugegebenermaßen sehr gut aufgeschrieben sind von Barnes, verstehen.

Die zentralen Fragen sind doch: Wieviel Druck von einem Dir nicht sympathischen Staatssystem kannst Du ertragen ohne schwach zu werden oder umzufallen? Wieviel Kompromisse kannst Du als Mensch eingehen ohne dabei Dich selbst schlecht zu fühlen? Und was mich am meisten beschäftigte, weil ich dies kenne: Warum muss man sich für sein Leben in der Heimat, also dem Ort, wo man geboren wurde, rechtfertigen?

Am liebsten würde ich jetzt das Buch nochmal lesen und die Fragen detailliert auseinanderfriemeln, aber es warten noch mehr ungelesene Bücher.

 

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