The View from the cheap seats [Buchempfehlung]

Ich hege eine gewisse Schwäche für Neil Gaiman. Ich besitze einen eigens für ihn eingerichteten “Gaiman Schrein” zu Hause, in dem ich alle Bücher, Bilder, Artwork, die irgendwie mit Neil Gaiman und seinem Schaffen zu tun haben, gesammelt werden.
The View from the cheap seats gehört da auch unbedingt mit hinein.

Über das Buch: The View from the cheap seats ist vordergründig eine Sammlung, die nicht Vollständigkeit wiederspiegelt, sondern Exklusivität, die Gaiman selbst gewählt hat, von nicht fiktionalen Texten, also Reden, Vorworten, Essays, Briefen etc. pp. Dabei liest man ihm seine tiefe Emotionalität, Ernsthaftigkeit und Liebe zum geschriebenen Wort, gedrucktem Buch, sowie der Bildenden und Darstellenden Kunst wichtig ist. Gaiman hat das Buch in mehrere Kapitel aufgeteilt.

1 Dinge, an die ich glaube  … zum Beispiel: Bibliotheken; Genre in der Literatur, Independent Buchläden
2 Ein Paar Menschen, die ich kenne … zum Beispiel: Diana Wynne Jones, Douglas Adams, Terry Pratchett, Harlan Ellison
3 Ein Kapitel, was sich dem Genre Science Fiction widmet … mit unter anderem: Ray Bradbury und Lobworte über Fritz Leiber und Worte zu den Nebula Awards
4 Filme und seine Erfahrungen damit … als Drehbuchautor, Gast bei Filmfestivals wie dem Sundance und insbesondere seine Mirror Mask Geschichte mit Dave McKean
5 Comics und über jene, die diese machen … unter anderem mit: einem Essay über Gute Comics, diverse Superhelden und Basics, die ein jeder im Schrank stehen haben sollte
6 Intros zu Klassikwerken … unter anderem Dracula (Bram Stoker), Voice of the Fire (Alan Moore), Tales of Horror and Fantasy (Rudyard Kipling)
7 Musik und über jene, die sie machen … unter anderem mit: Tori Amos, Lou Reed und Amanda Palmer
8 Über den Sternwanderer und andere Märchen … unter anderem mit: Charles Vess als Illustratoren, Worte über Jonathan Strange  & Mr. Norell
9 Die “Make Good Art” Rede
10 “The view from the cheap seats” ist das Kapitel, was sich um Gaiman als privaten Menschen beschäftigt … Verluste von Freunden wie Terry Pratchett, Anthony Martignetti, seine Erfahrung bei den Oscars und wie er die Dresden Dolls endlich mal live erleben konnte.

Meine 10 Cents: Ich habe das Buch lesen müssen, als Fan von Neil Gaiman. Ich sauge alles von ihm auf. Das Buch hat soviele Postit Notes wie kein anderes zuvor. Die Liste an Büchern, die ich mir kaufen muss und möchte ist unendlich geworden. Ich schätze nach dem Buch Hr. Gaiman noch mehr als zuvor. Das schöne an den kurzen inhaltsschweren Texten ist, dass sie selbst für meinen Freund, der “Männerliteratur” liest. Sprich Science Fiction wenn überhaupt, noch Neues auftischen konnten. Ich weiß, dass ich mich nicht dafür schämen muss, etwas nicht zu verstehen oder zu mögen, denn jedes Genre und jeder Geschmack im Lesen hat seine Zeit.

In Kapitel 1 war ich am meisten beeindruckt über Gaimans Loblied über öffentliche Bibliotheken. Ich war früher Mitglied einer Bibliothek, aber da meine eigene “Bibliothek” schon so groß ist, habe ich es nicht wirklich für nötig gehalten mich in den Hamburger Bücherhallen anzumelden. Ich bin mir nicht sicher, ob das immer noch eine gute Idee ist. Ich werde mich nach dem Buch jetzt anmelden und wenn ich nur “stilles Mitglied” sein werde. Allein dafür dass Mitgliedsbeiträge zur Erhaltung der Bücherhallen / Bibliotheken genutzt werden können, ist mir wichtig. Außerdem hat Gaiman im ersten Kapitel über Indie Buchläden geschrieben … Ja, ich fördere dies ausdrücklich. Ich kaufe seit gefühlt 6 Jahren kein Buch mehr online. Ich kaufe nur noch das, was in meinen Buchläden da steht, bzw. dort bestellt wurde. Ich möchte, dass die Vielfalt an Buchläden, unabhängigen Buchläden erhalten bleibt. Ich versuche mich definitiv im Kaufrausch zu zügeln, was mir schwer fällt, so kauf ich stets abwechselnd in verschiedenen unabhängigen Läden ein, damit jeder etwas von mir hat. Comics und Graphic Novels erwerbe ich bevorzugt bei Strips & Stories in St. Pauli.
Belletristik erwerbe ich bevorzugt bei Cohen & Dobernigg Buchhandel
Und wenn es schnell gehen soll gehe ich mit Vorliebe ins Heymann Stammhaus in Eppendorf, denn das ist richtig gut sortiert.
Die Beste Kriminalbuchempfehlungen erfährt man in Hamburg bei Jussi. Es gibt noch definitiv mehr gute Buchläden in Hamburg, die ich auch besuche, aber eben nicht so oft und regelmäßig. In den Läden kennt man eben auch schon meinen Geschmack.

Kapitel 2 hat mir teils Tränen in die Augen getrieben. Zum Einen vor lauter humorvollen Worten, zum anderen aufgrund herzzerreißenden Lobhymnen. Die gingen mir so ans Herz, dass ich unbedingt von den Autoren, die da besprochen wurden, auch was lesen wollte / will. Beispielsweise Harlan Ellison gab es bis zum Lesen dieses Buches nicht in meinem Horizont. Dieser Autor ist definitiv für mich ein Gang über den Tellerrand. Als ich im Internet nach Büchern von ihm fahndete, wurde ich erschlagen. Kurzentschlossen twitterte ich an Neil Gaiman folgende Worte: “I am a foolish probably but I never read anything by Harlan Ellison before. Can you give me a suggestion what to read first?” Er antwortete: “This is “Harlan Ellison 101”, a fantastic introduction to his work. (Foreword by yrs truly) amzn.to/1VYWaFI” Ich habe das Buch auf meiner Liste für den Monat Juli stehen, weil ich ein großer Fan von Kurzgeschichten bin.

Kapitel 3 über Science Fiction hat mich glücklich gemacht. Ich dachte immer, dass ich so wenig Science Fiction bisher gelesen hatte, aber ich mache mir auch ehrlich gesagt Null Gedanken über Genre. Ich möchte eine gute Geschichte erzählt bekommen, die nicht ganz haarsträubend ist. Von den im Kapitel erwähnten Standardwerken habe ich auch schon eine ganze Latte gelesen und auch für gut befunden. Es sind noch mehr Werke dazu gekommen, an die ich mich möglicherweise früher oder später getrauen werde. Aber wie bei beispielsweise William Gibsons Neuromancer werde ich mich nicht mehr heranwagen. Ich hatte es ja letztes Jahr versucht und es nach Teil 1 abgebrochen. Ich glaube da fehlte mir der Enthusiasmus und die Gelassenheit für Science Fiction oder ich war halt kein “12-13 Jahre alter Junge” Das ist wohl laut Gaiman, das Alter, wofür Science Fiction am Besten sei. Und alle anderen, die das dann auch lesen, haben den inneren 12-13 jährigen Jungen in sich.

Kapitel 4 dreht sich größtenteils um die Entstehung und Veröffentlichung von Mirrormask. Die Arbeit dazu ist wirklich sehr emotional von Gaiman dokumentiert. Dieses Gefühl am falschen Ort mit falschen Menschen beim Sundance Film Fest zu sein, las sich sehr überzeugend und man möchte da als Leser echt nicht mit Gaiman tauschen.

Kapitel 5 über Comics wird mich definitiv in naher Zukunft arm machen. Aber da stehe ich drüber. Ich habe schon für das nächste Weihnachtsfest mir eine Wunschliste geschrieben. Es ist ja nicht mehr lange hin. 😉

Kapitel 6 über die Klassiker und Gaimans Beziehung zu den einzelnen Werken lässt mich eigentlich fast schon eine Idee bauen, die ich auf dem Blog etablieren könnte … anyway, ich habe definitiv immer noch große Lücken in Klassikern der Fantasy / Schauermärchen / Horrorecke. Die klassischen Werke mag ich aber auch tendenziell mehr als die modernen Adaptionen oder Erstline. Also da geht definitiv noch was, um meinen Horizont signifikant zu erweitern. Rudyyard Kiplings Fantasy & Horror Tales will ich unbedingt lesen. Kipling mag ich sehr.

Kapitel 7 war absolut meins. Ich liebe Tori Amos, Lou Reed höre ich gelegentlich auch (und auch gern – vielleicht nicht so passioniert wie Gaiman, aber ist ja Wurst) und Amanda Palmer ist als Person und Künstlerin eine Klasse für sich. Die Beiden Gaiman und Palmer passen schon irgendwie recht gut zusammen. Sie sind verheiratet und haben mittlerweile einen Sohn, dem dieses Buch gewidmet ist.

Kapitel 8 dreht sich um Märchen im Allgemeinen und Gaimans Märchen “Der Sternwanderer”. Ich bin ein großer Fan vom Sternwanderer besonders mit den wundervollen Illustrationen von Charles Vess. Das Buch habe ich bestimmt schon 4x an Freunde (und deren coolen Jungs) verschenkt. Ich mag Märchen, sie sind Werke für erwachsene Menschen, da sie oft sehr vielschichtig sind. Die asiatischen Märchen sind meine Liebsten. Über diese hat aber Gaiman nicht geschrieben. Leider. Aber Gaiman sagt auch, dass Märchen nicht nur für Kinder sind. Früher wurden diese von erwachsenen Menschen und erwachsenen Menschen weiter erzählt. Beim Weiter erzählen wurden sie unter anderem auch stets “weicher” / “verfälschter”. Bei jedem Weitererzählen kommt neuer Input in die Geschichte hinein, so dass es dem Erzähler selbst gefällt und es ihm passt und wichtig genug ist, es so weiter zu erzählen.

Kapitel 9 ist die Make Good Art Rede

Dazu gibt es definitiv nichts weiter zu sagen. Außer Hinsetzen und Kunst produzieren. Der Trick an der Kunst ist es, nicht zu können, sondern nicht zu tun.

Kapitel 10 hat mir die Tränen in die Augen getrieben. In Vielerlei Hinsicht und ich kann das alles gar nicht so genau hier aufschreiben, denn es war das persönlichste Kapitel des Buches. Allein deswegen ist der Griff zu diesem Buch es schon wert.

Dieses Buch hat in meiner Bibliothek einen großen Platz bekommen und es ist bisher noch nicht auf Deutsch erschienen, ich habe es in drei Tagen durchgeatmet auf Englisch. Gaiman schreibt wunderbar flüssig, schnörkellos und mitten ins Herz. Das mag ich an ihm und er kann erzählen, auch ohne Fiktion.

 Meine Ausgabe ist erschienen bei William Morrow einem Imprint von Harper Collins. Ich habe es bei Strips & Stories bestellt und erhalten.

 

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One thought on “The View from the cheap seats [Buchempfehlung]

  1. Pingback: Miranda, Charlotte, Hilary und mindestens drei Mal Neil [Lesemonat] – Kulturrausch und mehr

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