Bücherverbrennung – Nie wieder!

„Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ (Heinrich Heine)

Am 10. Mai 1933 wurden deutschlandweit im Rahmen der Aktion wider den undeutschen Geist der deutschen Studentenschaft verfehmte Autoren und deren Werke auf öffentlichen Plätzen verbrannt. Die Liste der Autoren ist riesig. Von eben jenen sind viele Lieblingsautoren meinerseits.

CiF5uyjWsAAxXauIn Hamburg fand die Bücherverbrennung am 15. Mai 1933 statt am Kaifu Ufer im Stadtteil Eimsbüttel. Es wird heute mit einer öffentlichen Marathonlesung zwischen 11 und 18 Uhr an die verbrannten Werke und Autoren gedacht. Es erinnert an diese Aktion eine Gedenktafel … allerdings erst seit 1985. Ich war bereits dabei und habe ein Gedicht von Karl Kraus, sowie aus einem Tagebuch von Franz Kafka rezitiert, der eine Lesung von Bernhard Kellermann besucht hatte.

Bücherverbrennungen sind aber nicht eine alleinige Erfindung der Nazis. Bücher wurden in verschiedenen Epochen aus unterschiedlichsten Gründen verbrannt. Eines jedoch hatten sie stets zum Ziel: Man wollte, dass Wissen nicht verbreitet wird. Man wollte die Intelligenz einschüchtern. Man wollte Macht demonstrieren. Meistens nützte es nichts. Bücher lebten und leben weiter. Und das ist auch gut so.DSCN0410.JPG

Zum 16. Mal fand/findet die Marathonlesung in Hamburg statt und die Veranstalter sind echt rührig. Es werden die umliegenden Schulen beim Rezitieren und sich mit dem Thema beschäftigen ebenso eingebunden (wie zum Beispiel die Ida Ehre Schule). Die Veranstaltung findet auch im Rahmen des Monats des Gedenkens statt, welches verschiedene Veranstaltungen im Stadtteil Eimsbüttel zwischen dem 20.04. und 31.05. mit einschließt. Aufgrund von Zeitarmut konnte ich aber nur an der Lesung teilnehmen.

Auf Karl Kraus wurde ich erst durch die Lektüre von Jonathan Franzen aufmerksam, der ein Buch namens “Das Kraus-Projekt” veröffentlichte, welches ich erst kürzlich begeistert zu Ende las. Das Schlimme an dem Buch war, dass ich die Querverweise mir zum Anlass nahm und dann gleich noch weiterlas. Karl Kraus war mir vor dem Buch schon ein Begriff und ich hatte auch bei näherem Blick im Buchregal einen Lyrikband von ihm schon stehen gehabt, aber schätzen und lieben gelernt habe ich seine spitzen Worte erst mittels Franzen.

Der sterbende Soldat
(Karl Kraus)

Hauptmann, hol her das Standgericht!
Ich sterb’ für keinen Kaiser nicht!
Hauptmann, du bist des Kaisers Wicht!
Bin tot ich, salutier’ ich nicht!
Wenn ich bei meinem Herren wohn’,
ist unter mir des Kaisers Thron,
und hab’ für sein Geheiß nur Hohn!
Wo ist mein Dorf? Dort spielt mein Sohn.
Wenn ich in meinem Herrn entschlief,
kommt an mein letzter Feldpostbrief.
Es rief, es rief, es rief, es rief!
Oh, wie ist meine Liebe tief!
Hauptmann, du bist nicht bei Verstand,
daß du mich hast hierher gesandt.
Im Feuer ist mein Herz verbrannt.
Ich sterbe für kein Vaterland!
Ihr zwingt mich nicht, ihr zwingt mich nicht!
Seht, wie der Tod die Fessel bricht!
So stellt den Tod vors Standgericht!
Ich sterb’, doch für den Kaiser nicht.

Franz Kafka, den ich ebenso rezitierte aus seinen Tagebüchern, besuchte eine Lesung des Autoren Bernhard Kellermann. Kafka machte sich in seiner Beobachtung sichtlich lustig über den Autoren. Kellermann hatte 1910 zugegebenermaßen noch nicht seinen größten Erfolg veröffentlicht. 1913 hat er erst seinen Science Fiction Roman “Der Tunnel” veröffentlicht, der sich besser verkaufte als Thomas Manns “Zauberberg”. Ich habe Kellermanns Buch, was es leider nur antiquarisch zur Zeit gibt, gelesen und habe es geliebt. Es ist vordergründig Science Fiction. Aber eigentlich ist es eine Kritik an Ausbeutung von Arbeitern, fehlendem Arbeitsschutz, Nichtakzeptanz von Gewerkschaften. Also ganz aktuellen Themen. Kafka schien Kellermanns Schreibstil und literarischen Künste jedoch nicht wirklich stark gemocht zu haben. 1910 war da noch Spiel nach oben offen gewesen.

27. November 1910. Bernhard Kellermann hat vorgelesen. »Einiges Ungedruckte aus meiner Feder«, so fing er an. Scheinbar ein lieber Mensch, fast graues, stehendes Haar, mit Mühe glatt rasiert, spitze Nase, über die Backenknochen geht das Wangenfleisch oft wie eine Welle auf und ab. Er ist ein mittelmäßiger Schriftsteller mit guten Stellen (ein Mann geht auf den Korridor hinaus, hustet und sieht umher, ob niemand da ist), auch ein ehrlicher Mensch, der lesen will, was er versprochen hat, aber das Publikum ließ ihn nicht, aus Schrecken über die erste Nervenheilanstaltsgeschichte, aus Langeweile über die Art des Vorlesens gingen die Leute trotz schlechter Spannungen der Geschichte immerfort einzeln weg mit einem Eifer, als ob nebenan vorgelesen werde. Als er nach dem ersten Drittel der Geschichte ein wenig Mineralwasser trank, ging eine ganze Menge Leute weg. Er erschrak. »Es ist gleich fertig«, log er einfach. Als er fertig wurde, stand alles auf, es gab etwas Beifall, der so klang, als wäre mitten unter allen den stehenden Menschen einer sitzen geblieben und klatschte für sich. Nun wollte aber Kellermann noch weiterlesen, eine andere Geschichte, vielleicht noch mehrere. Gegen den Aufbruch öffnete er nur den Mund. Endlich, nachdem er beraten worden war, sagte er: »Ich möchte noch gerne ein kleines Märchen vorlesen, das nur fünfzehn Minuten dauert. Ich mache fünf Minuten Pause.« Einige blieben noch, worauf er ein Märchen vorlas, das Stellen hatte, die jeden berechtigt hätten, von der äußersten Stelle des Saales mitten durch und über alle Zuhörer hinauszurennen.

(Franz Kafka Tagebücher 1910 – 1923 Kapitel 2

Ich habe am Lesen von Werken, die mir am Herzen liegen Geschmack gefunden und war von meiner Premierenauswahl und dem Feedback dazu angetan. Es wird sicher nicht das Letzte Mal gewesen sein, dass ich an dieser Veranstaltung mitmache.

Erwähnte Bücher, die ich absolut empfehlen kann:

  • Jonathan Franzen “Das Kraus-Projekt”
  • Bernhard Kellermann “Der Tunnel”

DSCN0413Wer noch mehr über diesen Ort also den Platz der Bücherverbrennung und auch andere dunkle Orte in Hamburgs Geschichte erfahren möchte, der sollte sich unbedingt, das erst kürzlich erschienene Buch aus dem Junius Verlag anschauen namens “Das Schwarze Hamburg Buch”. Durch eben jenes Buch wurde ich unter anderem auch erst aufmerksam, dass die Brücke am Kaiser Friedrich Ufer noch mit etwas spooky Dekoration ausgestattet ist.

Aber dies ist nicht der einzige Ort, der die Spuren der Nazizeit noch offen sichtbar lässt.

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