Siebentürmeviertel [Buchempfehlung]

Ein Opus magnum von Feridun Zaimoglu. Ich habe lange daran gekaut, aber erst vor kurzem beendet und hier gibt es meine wenigen Worte über dieses tolle Buch, welches es letztes Jahr auf die Longlist des Deutschen Buchpreises zurecht geschafft hatte.

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Wie ich zum Buch kam: Ein paar liebe Damen bekannt aus meinem literarischen Twitterfreundeskreis, tönten, dass sie das “Siebentürmeviertel” zusammen lesen wöllten. Ich war dabei die letzte, die das Buch käuflich erworben hatte. Ich habe bis heute nicht erfahren, ob irgendeine von den Damen das Buch je seit dem angefangen, geschweigedenn zu Ende gelesen hatte. Hat es einer von Euch?! Ich wäre auf die Meinung euerseits sehr gespannt.

Zum Autor: Zaimoglu ist am 4. Dezember 1964 in der Türkei geboren. Zusammen mit seinen Eltern kam er 1965 nach Deutschland. Nach diversen Heimatorten innerhalb Deutschlands, lebt er mittlerweile in Kiel. Er ist nicht nur Autor von Romanen, sondern auch freier Journalist, bildender Künstler und er hat auch mal angefangen Medizin zu studieren. Es sind mittlerweile auch schon Bücher von ihm auf die Theaterbühne gebracht worden und waren Vorlage für einen Kinofilm. Zaimoglu sammelt Preise, er ist Mitglied bei PEN.

Zum Buch: 1939 … Wolf und sein Vater müssen aus Deutschland fliehen, weswegen auch immer, das ist nicht näher beschrieben, das tut auch nicht Not, denn zu dieser Zeit sind eine Menge Menschen geflohen. Wolfs Mutter ist kurz nach seiner Geburt verstorben und Wolfs Vater lässt seinen Sohn spüren, dass er ihn dafür verantwortlich macht. Dies hilft nicht wirklich ein gutes Vater Sohn Verhältnis aufzubauen. Die junge türkische Republik nimmt die Flüchtlinge auf (ungefähr 1200 Deutsche fanden in der Türkei Zuflucht).  Wolf kommt mithilfe seines Vaters in einer türkischen Familie im Siebentürmeviertel von Istanbul eine neue Heimat. Eines Tages verschwindet Wolfs Vater das Viertel und Wolf lernt als Deutscher Flüchtling in seiner neuen Heimat sich durchzusetzen. Inmitten eines “Meltingpots” aus Nationen, Religionen und angefeuert durch den Weltenbrand, der gerade dabei ist zu entstehen und tiefe Narben nicht nur in der Seele der Menschen, sondern auch physisch zu hinterlassen. Wolfs “neuer Vater” ist jetzt sein türkischer Pflegevater und die türkische Familie ist seine Familie. Dort findet er Halt und wird wertgeschätzt.
Das Buch ist aufgeteilt in zwei Teile. Teil zwei ist 1949 betitelt. Da ist Wolf in einer Schule, in der Deutsch unterrichtet wird und dort wird deutlich, wie Wolf in der Türkei sozialisiert wurde.

erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 2015

Meine 10 Cents: Dieses Buch ist kein einfaches Buch. Zaimoglus Sprache ist trocken und hart. Zeitweise hatte ich das Gefühl, dass auf jeder zweiten Seite irgendein Charakter stirbt. Das Siebentürmeviertel ist ein Viertel voller Gewalt, Gewalt, die auf Neid, Missgunst, religiösem / nationalem Fanatismus und Sexismus fußt. Es ist kein schöner Ort zum Großwerden. Wolf ist mir jedoch sehr nahe gegangen. Ich konnte nicht zulassen ihn während des Lesens alleine zu lassen, sprich das Buch abzubrechen. Denn zugegebener Maßen, habe ich das Buch angefangen zu lesen, als ich emotional eigentlich gar nicht fähig war, das Buch zu lesen. Zaimoglu hat in einem Interview zu dem Buch gesagt, dass er das Buch nicht geschrieben hatte aufgrund der aktuellen Flüchtlingsproblematik. Dieses Buch war einfach fällig gewesen. Um zu begreifen, wie man sich als Flüchtling in einem anderen Land fühlen kann und nicht die komplett “furchtbaren Situationen” lesen zu müssen (wie Flüchtlingslager und lange Fußmärsche etc.) ist dieses Buch sehr geeignet. Dieses Buch geht direkt unter Deiner Haut. Es ist politischer Zündstoff. So diskutieren beispielsweise die Schüler über das Thema Genozid an den Albaniern, was ja bekannterweise ein absolutes Tabu in der Türkei ist. Wie positioniert sich ein Deutsches Kind, was von den anderen Kindern ständig als Arier gerufen wird, wobei er mit seinem Vater ja flüchten musste. Wie sehr muss man als Flüchtling sich für Dinge rechtfertigen, die man erstens nie getan hat, zweitens die man nie machen würde und vor allem vor denen man ja selbst geflüchtet ist. Warum machen das Menschen überhaupt? (Diese Frage wird nicht beantwortet, aber es wird gezeigt, dass es überall von allen Menschen getan wird, weil wir eben doch alle gleich sind.) Gleicher als wir manchmal gar sein mögen.
Ich werde das Buch mit Sicherheit in absehbarer Zeit nicht noch einmal lesen, aber es wird höchstwahrscheinlich das ein oder andere Mal verschenkt werden. Nur wage ich eine Behauptung aufzustellen. Das Buch lesen sowieso nur Menschen, die Empathie haben, die Flüchtlingsdebatte aktuell sowieso kritisch und realistisch betrachten und auf das Grundrecht auf Asyl hochhalten mögen.
Ich selbst habe das Buch angefangen zu lesen, als ich ehrenamtlich in den Hamburger Kleiderkammer Pappkartons stapelte (an mehreren Tagen hintereinander) und ich allerdings schon nach zwei Wochen Tätigkeit emotional kaputt war. Ich konnte nicht mehr weitermachen. Anfangs war es Enthusiasmus, am Ende übte ich einfach nur noch Demut. Ich bin sehr froh das Buch gelesen zu haben. Ich mag solche Bücher lesen, auch wenn sie mich so stark berühren. Jedes Mal, wenn ich so etwas lese, sage ich mir immer: “Boah hast Du ein Glück, dass es Dir so saugut geht. Ich kann das ewige Jammern von anderen Menschen in heutigen Zeiten nicht verstehen.” Das frappierendste von all dem ist … von allen Menschen, die über die vielen heutigen Flüchtlinge schimpfen, ist, dass Deutschland schon IMMER ein Flüchtlingsland war. IMMER. Dieses Land ist quasi ein Paradebeispiel für Schmelztiegel. Und wo ein Schmelztiegel sich befindet, da kracht und zischt es gelegentlich auch mal. Uns geht es gut hier. Punkt.
Abschließend noch eine kurze Sache: Lest das Buch und werdet “emotionale Partner” von Wolf.

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