Angst vor Literatur [kurz mal nachgedacht]

Wer kennt sie nicht, diese Werke, mit denen man zu Schulzeiten gequält wurde oder noch viel besser, womit man noch nicht mal gequält wurde, sondern man nur vom Hören Sagen gewarnt wurde, dass es tröge, unlesbar, zu hoch oder ähnliches ist. Eins dieser Bücher war sicherlich das Überwerk der deutschen Literatur. “Die Buddenbrooks” von Thomas Mann. Ich hatte es bis jetzt noch nie vollständig gelesen. In der Schule wurde ich mit “Tod in Venedig” gequält, was ich sterbenslangweilig fand und welches ich erst dann verstand, nach dem ich das Ballett von John Neumeier gesehen hatte. (Dies sei hier mal ganz still und unheimlich heimlich als ultimativer Ballettabendausgehtipp untergebracht … natürlich in der Inszenierung von John Neumeier.) Als Visualisierung für “Tod in Venedig” in der Schule sollte Viscontis Verfilmung helfen. Das war leider sehr kontraproduktiv … ich bin da mehrmals eingeschlafen.

Unter den Gesichtspunkten von strudelndem Kapitalismus, scheiternden Ehen am fließenden Band und der Tatsache, dass man seine Familie sich nicht aussuchen kann, waren “Die Buddenbrooks” ein ziemlich kurzweiliges Lesevergnügen für mich gewesen. Ich konnte dem Buch jedenfalls mit dem Alter von 30+ deutlich mehr abgewinnen als als Teenager. Ich finde sowieso, dass Schulliteratur mehr nach dem Alter der Leser ausgewählt werden sollte. Stattdessen wurde immer zielsicher das gefunden und zerredet, wozu man keinen Zugang fand. Damit konnte nur eins protegiert werden … die Angst vor schwerer “Literatur”. Ich habe mir den Zugang durch emsige Konditionierung erarbeitet und erlangt. Es fällt mir in heutigen Zeiten ziemlich schwer, einfache Geschichten, stringente Liebesgeschichten oder klassisch gestrickte Helden (Joseph Campbell lässt grüßen) kennenzulernen ohne das ich tierisch gelangweilt bin. Ich brauche schwierigen Schreibstil, ausufernde Beschreibungen von Sachen, die man für unwichtig betrachten könne und komplizierte – in sich widersprüchliche – Helden. Das macht Spaß. Und wenn die Story dann auch noch komplett ohne Happy End daher kommt, weil alle Probleme können nicht mit nem Happy End enden, dann bin ich richtig zufrieden.

Ich hätte mir als Schüler in der Schule gewünscht, nicht nur in den Sprachfächern Bücher zu lesen, sondern auch in den naturwissenschaftlichen Fächern oder den gesellschaftspolitischen. Es hätte ja nicht zur Pflichtübung werden müssen, sondern eher zur Unterstützung des Stoffs, den man damals so lernen sollte.

Und ja, ich sag ja schon nichts gegen Klassiker im Deutschunterrischt … aber musste es wirklich in meiner Schulzeit ein ganzes Jahr lang Goethes Faust I + II sein?! Ich habe beispielsweise über die Literatur nach 1945 nur etwas gelernt, weil ich dafür einen Vortrag gehalten habe. Das Schlimme daran war, dass also genau die 45 Minuten Vortrag ALLES waren, die ich in meinem Deutsch Leistungskurs dafür hatte. Ganz schön traurige Sache. Ist das heute denn wenigstens anders?! Ich habe mein Abitur vor 18 Jahren gemacht.

Ich habe keine Lösung, ich weiß nur, dass in der Schule zumeist Literatur falsch vermittelt wird und/oder zielgerichtet zum falschen Buch gegriffen wird. Es war jedenfalls zu meiner Zeit so.

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