Kambodscha in der Literatur – schwedisch betrachtet

Intro mit schamloser Filmwerbung … Was fällt Euch ein, wenn ihr an Kambodscha denkt?! Wahrscheinlich nur zwei Dinge Pol Pot und Angkor Wat. Das ist zwar nicht viel, aber besser als nichts. Ich bin etwas befangen, was sich alles um Kambodscha dreht, da ich halb Khmer und halb Deutsch bin. Mit einem deutschen Pass und leider erst viel zu wenig in Kambodscha war. Ich habe noch eine Großmutter (respektive Stiefoma) im Südosten des Landes leben und ich will sie lieber heute als morgen besuchen. Aber darum geht es hier nicht, wer über meine Familie etwas erfahren mag und oder den Kulturschock meines Vaters, der als einziger unter seinen Geschwistern Pol Pot überlebt hat als Student in der DDR, dem sei unbedingt der Dokumentarfilm „Bonne Nuit Papa“ ans Herz gelegt.

Bonne_Nuit_Superbanner
Dieser Film ist aktuell in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen. „Bonne Nuit Papa“ kann man ebenso im Bophana Center in Phnom Penh sich kostenlos anschauen (in der Khmerversion mit englischen Untertiteln). Man kann ihn auch als video on demand sehen und demnächst erscheint auch die DVD. „Bonne Nuit Papa“ hatte auch unlängst in Schweden im Kino dank des Goethe Instituts Premiere. Damit schließt sich der Kreis … Kambodscha und Schweden.

Interlude … Was hat Schweden mit Kambodscha zu tun?! Na geografisch jedenfalls nicht viel, aber während der Zeit, in der die Roten Khmer in Kambodscha wüteten, hat eine schwedische Delegation das Land besuchen können und hat das Land mit ziemlich verklärten Blick und unter sehr gezielt geführten Bedingungen besucht. Ich werde über zwei Bücher etwas berichten, die Peter Fröberg Idling geschrieben hat. Dieser schwedische Autor hat zum Einen ein Sachbuch geschrieben, wo er auf Spuren dieser schwedischen Delegation sich begeben hat … das zweite Buch worüber ich kurz schreiben werde, ist ein Roman, der zur Zeit der ersten freien Wahlen in Kambodscha spielt.
Peter Fröberg Idling hat mehrere Jahre in Kambodscha gelebt. Er ist 1972 geboren und arbeitet als Literaturkritiker in Stockholm. (Ich bin kein Literaturkritiker und werde es auch nie sein. Ich bin nur ein leidenschaftlicher Konsument, der klar und deutlich ausspricht, wenn es nicht gefällt oder aber auch wenn es gefällt.)

pol pots laechelnPOL POTS LÄCHELN – erschienen im Jahr 2013 in Deutsch bei Edition Büchergilde

Klappentext: Aus dem Schwedischen von Andrea Fredriksson-Zederbauer. Mit einem Vorwort von Steve Sem-Sandberg. Peter Fröberg Idling folgt fast eine Generation später den Spuren von vier schwedischen Intellektuellen (Gunnar Bergström, Hedda Ekerwald, Jan Myrdal und Marita Wikander), die 1978 ins Kambodscha Pol Pots reisten. Trotz Zwangsarbeit, Hunger und Massenmord im Land der Roten Khmer verfassten sie optimistische Reiseberichte. Idling geht in dieser literarischen Reportage der Frage nach, ob eine jüngere Generation heute zu anderen Ergebnissen kommen würde. Fast nebenbei erfährt man von der ungeheuren Geschichte eines zerrütteten Landes. Eine exemplarische Darstellung von Propaganda und Selbsttäuschung, Idealismus und Blindheit.

Meine 10 Cents: “Pol Pots Lächeln” von Peter Fröberg Idling ist absolut empfehlenswert. Das Besondere an dem Buch ist, dass der Autor selbst erst 1972 geboren ist. Er beschäftigt sich mit den Beweggründen und den ideologischen Ansichten der schwedischen Reisegruppe, die 1978 von den Roten Khmer nach Kambodscha eingeladen wurde und die darüber im Anschluss per Fotografien und Vorträgen und Büchern darüber berichteten. Im Abstand von mittlerweile über 30 Jahren (im Schwedischen ist das Buch 2006 veröffentlicht worden) geht der Autor auf die Spur, was die 4 Schweden, die damals das Land besucht hatten, jetzt über ihre eigenen Aussagen denken, wo der tatsächliche Terror aufgedeckt wurde und er versucht ebenso die Zeugen der kambodschanischen Seite ausfindig zu machen und nach Erinnerungen zu befragen. Er geht auf die widersprüchlichen populistischen Thesen des Marxismus / Kommunismus / Linksradikalen Szene der 60er/70er ein und stellt dies mit seinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen in Kambodscha in Zusammenhang. Außerdem wird der Exkurs internationale Politik während und vor und nach der Roten Khmer Zeit ausführlich beschrieben. Sodass ich zeitweise enormen Brechreiz hatte. Dieses Buch ist sehr empfehlenswert. Ach ja, von den 4 Schweden, die damals in Kambodscha waren, ließen sich 2 vom Autoren gar nicht interviewen, der eine Gunnar Bergström und die zweite ist Hedda Ekerwald.
Ich kann das Buch wärmstens empfehlen. Richtig erstaunlich fand ich, dass ich irgendwie das Lesen so flüssig fand, als wäre es “schnöde Unterhaltungslektüre”. Ist das jetzt gut oder nicht gut?!

gesangGESANG FÜR EINEN AUFKOMMENDEN STURM – erschienen 2015 beim Insel Verlag
Klappentext: Kambodscha, 1955, wenige Wochen vor den ersten freien Wahlen. Unruhe breitet sich aus, Gerüchte mehren sich, Oppositionelle würden verschleppt und getötet. Ein junger Mann bewegt sich lautlos durch die Stadt, durch entlegene Gassen und über prächtige Boulevards. Er träumt von Freiheit und engagiert sich für die Demokraten. Heimlich verfolgt er jedoch eine radikalere Agenda: Er sympathisiert mit den Roten Khmer. Noch aber hat er sich dem bewaffneten Kampf nicht verschrieben, noch liebäugelt er mit einer anderen Zukunft, mit der Frau, die er liebt, mit der schönen Somaly. Als die jedoch ins Visier seines ärgsten Widersachers gerät und Machtphantasien und Begierden in einer fatalen Ménage-à-trois aufeinanderprallen, hat dies weitreichende Konsequenzen, nicht nur für die Beteiligten, sondern für die Zukunft des ganzen Landes … Eindringlich und erschütternd wird ein Augenblick der Geschichte beschworen, den die drohenden Schrecken durchziehen wie das sanfte Rauschen eines aufziehenden Sturms, in dem das Schicksal eines Landes zwischen Eros und Macht, politischen Visionen und hoffnungslosen Träumereien besiegelt wird.
Meine 10 Cents: Ein Roman über Kambodscha in den 5oer Jahren gibt es sehr selten. Gab es das überhaupt schon mal? Es ist ein politisches Pulverfass kurz vor der ersten freien Wahl und zudem gibt es in dem Buch auch noch eine “fatale” Ménage – à – trois. Diese fand ich jedoch weniger spannend als den Lockruf, dem gefährlichen Spiel von Macht bei den Männern. Es ist ein emsiges Gockeln und Plustern und verbales Säbelrasseln in der Öffentlichkeit und abseits dessen tobt die Gewalt, die glücklicherweise nicht beschrieben wird.

Ich kam mit dem ersten Teil des Buches überhaupt nicht klar, wo der Leser die ganze Zeit mit “Du” angesprochen wird. Sicher hatte das Methode, die ich auch verstand, denn es sollte unangenehm sein, aber für mich war das zu heftig. Deswegen ein Punkt Abzug in der B-Note.

Das Buch ist eine Empfehlung für Südostasien- und Politikinteressierte Romanleser.

Epilog … Warum lese ich solch lebensbejahende Bücher? Ich tue das, weil mein Vater, der Khmer war, solange er lebte, lieber geschwiegen hat und ich nichts über sein Land erfahren habe. Ich kannte Angkor Wat von den Bildern her und ich hatte auch von Pol Pot gehört. Ich wusste, dass Kambodscha das Nachbarland von Vietnam war und ich fand es schon als Kind ätzend als „Vietschi“ beschimpft zu werden, zumal das meistens so ausgesprochen wurde wie Fidschi und ich sahe und werde nie aussehen wie ein Fidschi. Ich bin immer noch auf der Spurensuche nach meiner eigenen Identität und das wird nie aufhören. Deswegen sauge ich alles auf, was Kambodscha berührt.

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2 thoughts on “Kambodscha in der Literatur – schwedisch betrachtet

  1. Pingback: [#minathon – Nebelgeschichten] Thomas Meyer “Wolkenbruch …” [Empfehlung] | Kulturrausch und mehr

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